Immer wenn die Frau an meiner Seite ihren
Platz an meiner Seite verlässt, zur Mitte des Raumes schlendert und
sinnenden Blickes stehen bleibt, dann hat sie eine Idee. Meistens handelt
es sich dabei um eine Idee, die ich in die Tat umsetzen soll.
“Schreib doch mal was über uns”,
sagte sie diesmal. “Was soll ich denn schreiben?”
“Nun, die Wahrheit, was wir so alles erlebt
haben bis heute.”
“Das glaubt uns ja doch keiner!”
“Wenn du es schreibst, schon”. “Du
meinst, ich soll schreiben, wir leben hier in einem wunderschönen
alten Bauerngut hoch über dem Meer zusammen mit fünfzig
Pferden, neun Hunden, dreiKatzen, einer Schildkrötenfamilie,
diversen freifliegenden Nachtigallen, Fledermäusen und Glühwürmchen,
mit freilaufenden Enten, ungezählten freikriechenden Lurchen
und anderem Getier. Ganz zu schweigen von den beiden Haushaltshilfen,
dem Stallmeister, dem Schabbesgoi und seinem Sohn, dem Gärtner,
...” “Das wäre zwar die Wahrheit, aber nicht die Wirklichkeit.”
“Und was wäre die Wirklichkeit?”
“Die Wirklichkeit ist, daß
wir Tag und Nacht arbeiten müssen, damit wir all die Leute bezahlen
können, die wir nur deswegen eingestellt haben,
damit wir etwas weniger arbeiten müssen, um endlich hier im
Süden unser Leben zu geniessen.”
“Jetzt verstehe ich: Du möchtest,
daß ich all das aufschreibe, um es anschließend an einen Verlag
zu verkaufen, der uns dafür so viel bezahlt, damit wir endlich sorgenfrei
leben können und weniger arbeiten müssen. Mal abgesehen von den
Film- und Fernsehrechten, die uns dann endlich reich machen.”
“... !”
Immer, wenn sie
“...!” macht, dann weiß ich,
daß sie keinen wesentlichen Widerspruch mehr erwartet, denn
sie ist die einzige Frau, die ich kenne,
die “...”!
mit einem Ausrufezeichen versehen
kann.
Also setzte ich mich an den PC und begann
darüber nachzudenken, ob all das die logische Konsequenz dessen ist,
was damals in München so normal begann.
Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Konsequenz
ist nicht etwa eine gerade Strecke, deren Ende man bereits sehen kann,
wenn man noch am Anfang steht. Konsequenz kann sich ohne weiteres in gewundenen
Linien vollziehen. So gesehen ist “all das” schon irgendwie konsequent,
und es bleibt mir nichts anderes übrig, als ganz am Anfang zu
beginnen. Doch beim weiteren Nachdenken fällt mir auf: Soo
normal, wie es mir im Nachhinein erscheint, war es dann auch wieder
nicht. Oder doch?
Ort: München und weitere Umgebung
Zeit: jederzeit möglich
Szene: Zwei Menschen beginnen, sich kennenzulernen.
Problem: Sie ist ein gebranntes Kind, und
ich bin
Der Mann danach
Ich gebe zu, es ist ein wenig „out“, der
Dame des Herzens zum Zeichen der Zuneigung eine einzelne Rose zu überreichen.
Heute bringt man schon eher ein Sträußchen Wiesenblumen zum
Selbertrocknen aus dem alternativen Blumenladen mit.
Aber ich gebe ja auch zu, daß ich
da eher ein bißchen altmodisch bin, und daß mir die rote Rose,
die einzelne, ein Herzensbedürfnis ist. Und schließlich - meine
Freundin ist ja doch auch in einer Zeit geprägt worden, als die rote
Rose noch eine Bedeutung hatte. Also dachte ich mir nichts Schlimmes, als
ich - einfach so, weil ich sie sehr lieb habe - meiner Freundin besagte
Rose (einzeln) mit nach Hause brachte. Und das hätte ich lieber bleiben
lassen sollen.
„So! Eine Rose“, sagte sie spitz.
„Da möchte ich bloß wissen,
was das nun schon wieder zu bedeuten hat?“ Der Abend war hin, ehe er begonnen
hatte.
Ich zermarterte mir das Hirn, was ich
denn „nun schon wieder“ angestellt hatte, und sie war zu keinen Erläuterungen
bereit, sondern verbreitete jenes Unbehagen, das die eindeutige Botschaft
aussendet: „Sei froh, daß ich überhaupt noch mit dir rede.“
Wie hätte ich denn auch wissen
können, daß Claus ihr immer eine rote Rose mitbrachte, wenn
er ein schlechtes Gewissen hatte. Claus ist mein direkter Vorgänger
und ein Schlitzohr. Aber irgendwann hat er wohl überzogen. Sie hatte
gemerkt, daß er sie mit der Rose wiederholt hinters Licht geführt
hatte, und war seither auf das „Imponiergemüse“, wie sie es nannte,
schlecht zu sprechen. Und ich armes Würstchen bekam es ab - und mit
mir jene meine unschuldige Rose.
Aber dieser verpatzte Abend war nicht
der einzige, an dem ich mir leid tat und nicht wußte, wie mir geschah.
Nur weil Claus ein Schlitzohr war. Ich bin der Mann „danach“. Alles, was
mein Vorgänger an meinem Mädchen verbrochen hat, das habe ich
geerbt. „Schau, ich bin doch ganz anders als Claus“, höre ich mich
immer wieder sagen. Aber das nützt nichts, denn sie gibt es nicht
einmal zu, daß sie mich vergleicht.
Da ist zum Beispiel die Sache mit der
Eifersucht. Ich bin rasend eifersüchtig. Aber ehe ich das zugäbe,
würde ich mich lieber von feurigen Rossen vierteilen lassen. Und so
pflege ich - zur eigenen Beruhigung - den Satz zu sagen: „Ich vertraue
dir. Und wenn ich Grund zur Eifersucht hätte, dann wäre ohnehin
alles zu spät.“ Dabei komme ich mir natürlich ungemein edel vor.
Lange Zeit habe ich nicht begriffen,
daß ich sie damit bitter enttäuschte. Erst, als sie mir eines
Abends - solche Gespräche finden bei uns leider immer abends statt
- tränenüberströmt entgegenhielt: „Wenn du mich liebst,
dann bist du auch eifersüchtig. Du bist nicht eifersüchtig, also
liebst du mich nicht. Ist doch logisch!“ dämmerte mir, daß ich
den Salat hatte.
Ich hatte den Salat.
Mangelnde Eifersucht gleich mangelnde
Liebe. Verflixt nochmal. „Vermute ich richtig, daß Claus rasend eifersüchtig
war?“ fragte ich tastend. Sie entschloß sich zu einem Teilgeständnis:
„Eifersüchtig war er schon...“
Als ich fortan, wenn auch verfrüht,
wie man sehen wird, meinen eifersüchtigen Gefühlen etwas freien
Lauf ließ, zog ich mir bereits wieder einen Tadel zu, und ich mußte
zerknirscht einsehen, daß das nun auch wieder nicht richtig war.
„Hör auf mit dieser lächerlichen,
gespielten Eifersucht“, lautete ihr strenger Verweis, als ich einmal richtig
in Fahrt war.
„Dieses Affentheater ist ja ekelhaft.“
Sie vermuten richtig: Claus, das Schlitzohr,
hatte nämlich seine Eifersucht nur gespielt, weil er eben von Hause
aus nicht mit diesem Charaktermangel behaftet war. Er spielte den rasend
Eifersüchtigen, um seine rasende Verliebtheit zu beweisen. Und als
diese nachließ, da ließ auch die - gespielte - Eifersucht nach.
Dummerweise hatte er das eines Tages im Zorn gestanden und sie damit bis
auf meine Tage verletzt.
Verstehen Sie jetzt mein Dilemma? Ich
nicht. Ich vermute nämlich, daß Claus, das Schlitzohr, in Wahrheit
rasend eifersüchtig war und nur so tat, als ob er seine Eifersucht
nur spielte, um...
Aber es stimmt schon, daß ich in
der letzten Zeit etwas ins Grübeln geraten bin. Nun soll man nicht
glauben, wir hätten ein gespanntes Verhältnis. Im Gegenteil.
Es ist nur etwas schwierig, wenn man die Fehler des Vorgängers vermeiden
will und sie dann gerade macht. Schwierig ist es auch dann, wenn man sich
ganz normal gibt und gerade das mißverstanden wird.
Ich bin zum Beispiel ein mäßig
begabter Lügner. Wenn es sein muß, dilettiere ich in dieser
hohen Kunst. Im Privatleben jedoch versuche ich, nicht zu lügen. Das
gelingt natürlich nicht immer, aber oft.
Ich würde auch niemals einem Partner
gestatten, mich zur Lüge zu zwingen, wie das so oft vorkommt - und
ganz abgesehen davon finde ich es einfach bequemer, die Wahrheit zu sagen.
Wer hat schon das glänzende Gedächtnis, das ein notorischer Lügner
unbedingt braucht...
Aber wie kann ich wissen, daß meine
Freundin in Gedanken bei allem, was ich sage, immer das Quantum an
Lüge abzieht, das sie aus ihrer früheren Beziehung gewohnt ist.
Das läuft dann etwa so:
„Du, heute ging mir alles schief. Ich
haben den ganzen Tag nur Mist gebaut“, sage ich etwa. Und sie:
„Und wovon wirst du leben?“
Sie hält mein Eingeständnis
für eine maßlose Untertreibung und rechnet fest damit, daß
ich fristlos entlassen worden bin. Sie könnte aber auch sagen: „Ich
weiß ein gutes Versteck bei meiner Tante Berta im Westerwald. Dort
bist du erstmal sicher.“ Oder: „Wir sind geschiedene Leute. Mit einem solchen
verkommenen Subjekt will ich nichts zu tun haben.“
Daß ich wieder einmal einen Fehler
gemacht habe, merke ich immer daran, daß sie ohne erkennbaren Anlaß
einschnappt. Wie zum Beispiel dann, wenn ich einen Witz erzähle.
Das liegt nicht daran, daß sie alle
meine Witze bereits kennt, oder daß ich ein todlangweiliger Witze
Erzähler bin. Wenigstens liegt es nicht n u r daran. Es hat auch nichts
damit zu tun, daß sie keine Witze mag. Im Gegenteil - sie hat ein
ansteckendes Lachen und kann sich über einen guten Witz gar nicht
beruhigen. Falls er nicht von mir erzählt wird.
Claus?.... Claus!
Der hat nämlich in einer Phase der
abkühlenden Beziehung nur noch Witze gerissen, damit er die Probleme
nicht zu konfrontieren brauchte. Vor allem hat er harte Männerwitze
gerissen. Nun reiße ich keine harten Männerwitze - solange es
besseren Gesprächsstoff und bessere Witze gibt. Aber sie hat Angst,
ich könnte es tun, wenn ich einmal in Fahrt gerate.
Mein Hinweis: „Selbst, wenn ich in deiner
Gegenwart einen harten Männerwitz erzählen sollte, würde
das nicht bedeuten, daß mit unserer Beziehung etwas nicht stimmt,
höchstens, daß ich kein besonders gutes Benehmen habe“, wird
von ihr gekontert. „Siehst du, es ist dir ein Bedürfnis. Ich hatte
doch recht.“ Und dann weint sie, und das Witze Erzählen findet
ein natürliches Ende.
Er ist, so höre ich, ein Autodidakt,
der sich schwer nach oben gekämpft hat und im Grunde genau weiß,
daß weder seine Bildung noch seine Manieren ganz abgerundet sind.
Gebildete Frauen sind ihm unheimlich. Vor allem dann, wenn er neben ihnen
etwas verblaßt. Die Folge ist, daß er mit dem, was er weiß,
auftrumpft und vor allem weibliche Gesprächspartner niedermacht.
Es hat ihr sehr an mir gefallen, daß
ich das nicht tue. Das ist kein besonderes Verdienst von mir. Ich bin so.
Basta. Und ich sehe auch nicht ein, daß ich das, was ich weiß,
besonders herausstellen soll.
Und jetzt wirds etwas kompliziert. „Du
hast mir verheimlicht, daß du eine abgeschlossene Ausbildung hast“,
sagte sie eines Abendessens betont beiläufig. Etwas zu betont beiläufig.
Ich suchte nach Ausflüchten, weil mir Unheil schwante: „Ach, die paar
Semester...“ „Schweig, ich habe dein Diplom gefunden!“ herrschte sie mich
an.
Es war hoffnungslos. Ihre Enttäuschung
war echt und tief. Das soll nun um Himmels Willen nicht so klingen,
als wäre sie ein kleines Schaf. Sie ist zwar manchmal eines - aber
doch eher ein Lämmchen, das mich sehr rührt.
Sie ist aber die meiste Zeit des Tages
eine gebildete, ausgeglichene, beherrschte Frau, fast eine Dame (fast!),
die mitten im Leben steht und allen Leuten imponiert. Auch mir.
Claus konnte all das schlecht ertragen.
Sie hatte gedacht, ich sei einfach ein anständiger Mann, der aus Herzensbildung
kein Chauvi ist. Daß ich nur deswegen keiner bin, weil ich es gar
nicht nötig habe, war ein harter Schlag für sie.
Ich bin der Mann danach - und was ich
auch anstelle - es ist immer falsch, wenn ich´s genauso mache wie
er es getan hat. Auch wenn ich aus einem völlig anderen Grund handle.
Es ist aber auch falsch, wenn ich genau
das Gegenteil tue, wenn ich dafür kein zufriedenstellendes Motiv habe.
Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, mit einer originalen Handlungsweise
ungeteilte Bewunderung und Zustimmung zu erringen.
Das war nach unserer ersten Nacht, als
ich mich morgens noch ein bißchen verschlafen räkelte und mit
Entzücken hörte, wie sie draußen mit dem Frühstücksgeschirr
klapperte.
Dieses Geräusch der Zweisamkeit hatte
ich lange vermißt. Normalerweise würde ich das Frühstück
selber machen. Aber ich war echt verschlafen und genoß meine Faulheit.
„Schön, daß du zum Frühstück bei mir geblieben bist“,
sagte sie einfach und küßte mich auf die Nase, nachdem sie das
Tablett abgestellt hatte. Ich war glücklich.
Erst später erfuhr ich, daß
Claus verheiratet war, und in jeder Nacht, die er mit ihr verbrachte, lange
vor Morgengrauen verschwand...
Es ist manchmal nicht einfach, der Mann
danach zu sein.
Und so bemühte ich mich fortan, tiefer
in die Mentalität meiner Freundin einzusteigen. Tief genug, um wenigestens
den Fährnissen des Alltags gewachsen zu sein.
Da ist zum Beispiel die Sache mit der
Reputation. Sie hat es gern, wenn man von ihr denkt, daß es ihr nicht
wichtig ist, was man von ihr denkt, damit man von ihr denkt, daß
sie über den Dingen steht. Sogar beim Einkaufen. Und so ist es mir
gelungen, ihr einen Zugang zum inneren Feinkostkreis zu verschaffen.
Und das will in München was heißen
Der innere Feinkostkreis
Unser Viertel hat ein Feinkostgeschäft.
Das Viertel war früher mal fein. Das Feinkostgeschäft ist es
immer noch. Es ist beileibe nicht eines jener eher lauten Etablissements,
vor denen die Luxusautos in Zweierreihen parken und grau livrierte Chauffeure
beflissen Wagenschläge aufreißen.
Es gehört auch nicht zu den Geheimtips
der Gourmets, die bereits ab neun Uhr morgens Champagner und Austern in
einer verschwiegenen Kellerbar schlürfen. Es geht eher dezent zu.
Nicht, daß es hier keine Austern und keinen Champagner gäbe!
Es gibt sogar vier Sorten Kaviar und die
erlesensten Wildpasteten. Ganz abgesehen von den gepflegten und edlen Weinen.
Vorausgesetzt, all die schönen Dinge
sind gerade vorrätig..... Oft heißt es nämlich bedauernd:
„Leider gerade ausgegangen. Aber morgen bekommen wir´s garantiert
wieder frisch rein.... Wollen Sie vielleicht vorbestellen?“ Denn der feine
Mann bestellt vor. Die feine Dame auch. Nur wer vorbestellt, gehört
sozusagen zum inneren Kreis und wird mit Namen angesprochen. Alle übrigen
sind „Laufkundschaft“. Man braucht sie nicht weiter zu beachten.
So trennt unser Feinkostgeschäft
die Spreu vom Weizen. „Ist dir schon einmal aufgefallen, daß hier
nur Akademiker und ganz feine Leute verkehren?“ fragte meine Freundin,
die es gelegentlich unvorbestellt in den Laden zieht. Vor allem wegen
der hübschen Dekoration in ihren Lieblingsfarben. Aber auch wegen
des wirklich vorzüglichen Bündner Fleisches, von dem sie ab und
zu fünfzig Gramm ergattern kann.
Tatsächlich, nur ganz feine Leute!
„Nehmen Sie doch für Ihre Kanapees noch etwas von der Foie Gras, Frau
Doktor Häberle!“ Oder: „Ach, wissen Sie, Herr Doktor Klöbner,
die Petits fours beziehen wir von der Confiserie Larousse in Lyon - die
liefern täglich frisch“, sind so die Standardsätze des Personals.
„Dieser Schillerwein, Herr Doktor Cornelius, kommt von den besten Lößlagen
des schwäbischen Unterlandes - ganz aus der Nähe von Schillers
Geburtsort, gelle.“
Solche profunden Sätze spricht natürlich
der Herr Feinkost persönlich. Es gibt unter den Kunden auch einige
Professoren, einen „Herrn Professor Doktor“ und sogar eine „Frau Professor“.
Die wenigen Nichtpromovierten, die hier verkehren, scheinen - von einigen
Ausnahmen abgesehen - in der Mehrzahl immerhin Akademiker zu sein, zumindest
Menschen mit Hochschulreife. Und wer noch nicht einmal Abitur hat, kann
doch wenigstens einen Bindestrich im Namen vorweisen. „Ach, Frau Müller-Lüdenscheidt,
da habe ich Ihnen doch noch eine Baguette reserviert. Ist leider ein wenig
angestoßen.“ Strafe muß sein.
Die Crème de la crème bildet
natürlich der promovierte Adel. Er wird herzlich, jovial und laut
begrüßt, daß alle Kunden im Laden es hören müssen:
„Hallo, Frau Doktor von Tunketief. Nett, daß Sie uns mal wieder beehren!“
Etwas devoter - und mit gedämpfterer
Stimme, aber doch unüberhörbar - wird der Hochadel behandelt.
Selbst dann, wenn er nichtakademisch sein sollte, was offenbar häufiger
vorkommt: „Meine Empfehlung an die Frau Gemahlin, verehrter Graf Stenz!“
Oder: „Liebe Prinzessin, gestern habe ich Ihren Herrn Vetter in der Oper
getroffen. Nein, nicht den mit dem Antiquitätengeschäft - den
Herrn Rechtsanwalt!“
Eine Sonderklasse bilden die seit Jahrzehnten
ansässigen Ausländer, vorausgesetzt, es handelt sich um Engländer,
Franzosen oder zumindest Amerikaner, obwohl letztere nicht so gern gesehen
sind, weil sie so viel fragen. Jeder bekommt ein aufmunterndes Wort in
seinem Heimatidiom mit. Etwa: „Hello, Mister Goldstein, I have here what
really good for you.“ Und: „Oh, Madame Lapoitrine...“ Französisch
ist indes nicht direkt die Spezialität des Hauses.
„Wie machen die Leute das bloß,
daß sie jeden Kunden mit Namen anreden?“ grübelte meine Freundin.
„Jeden wohl nicht“, überlegte ich, „wir zum Beispiel haben weder Rang
noch Titel - nicht einmal den kleinsten Bindestrich. Und sogar das Initial
hinter meinem Vornamen habe ich als Jugendsünde abgelegt - uns läßt
man folglich in Ruhe.“ „Was heißt: in Ruhe?! Auch ich möchte
gefälligst wie eine Dame behandelt werden“, protestierte meine Freundin,
der offenbar viel daran liegt, zum inneren Feinkostkreis zu gehören.
„Stell dich doch vor, wenn`s so wichtig
für dich ist“, riet ich. „Das ist popelig. Oder glaubst du,
die Frau Doktor Häberle hat gesagt: „Guten Tag, ich bin die Frau Doktor
Häberle ? Nie! Dafür ist die Frau viel zu distinguiert.“ „Sie
ist eben eine Dame“, gab ich zu bedenken. „Wie meinst du das?“ fragte meine
Freundin.
Ich zerbrach mir den Kopf, woher die Feinköstler
wohl die Namen all ihrer vielen Kunden kennen könnten. Viele, so überlegte
ich, scheinen wohl Ärzte, Anwälte, Notare und Apotheker aus der
unmittelbaren Umgebung zu sein - nebst Gattinnen, denn in Süddeutschland
ist ja auch die Frau eines Doktors eine „Frau Doktor“. Doch von denen allein
konnte das Unternehmen wohl nicht existieren, selbst wenn sich das ganze
Personal aus hilfsbereiten und nicht sehr lohnintensiven Söhnen, Töchtern
und Schwiegerkindern von Herrn und Frau Feinkost zusammensetzte.
Dann fiel mir ein, wie meine Freundin
zu ihrer Spezialbehandlung als Dame kommen könnte. Natürlich!
Die Vorbestellung! Ich hatte es die ganze Zeit über gewußt.
Als sie das nächste Mal sagte:
„Wir brauchen wieder Bündner Fleisch, mal sehen, wieviel ich diesmal
ergattern kann“, griff ich zum Telefon, kaum daß sie das Haus in
Richtung Feinkostladen verlassen hatte:
„Hier ist der Haushalt von Doktor von
Lewiandowski-Ostertag“, näselte ich. „Haben Sie noch dieses köstliche
Bündner Fleisch? Fein, dann reservieren Sie doch zweihundert Gramm.
Die gnädige Frau wird gleich selbst vorbeikommen. Ach ja, sie ist
leicht zu erkennen. Sie trägt einen dieser weißen Overalls mit
Mickymaus vorn und hinten drauf. Sie wissen schon.“
„Ich versteh´ die Welt nicht mehr“,
sagte meine Freundin verwirrt, als sie von ihrem Einkauf zurückkam.
„Kaum betrete ich den Laden, schon ruft mir die Chefin zu: ,Ach, Frau Doktor
von Lewiandowski-Ostertag! Ihr Bündner Fleisch! Kleines Momentchen
- ich bin gerade am Aufschneiden!` Und nötigt mir doch tatsächlich
dreihundert Gramm auf... Stell dir vor, dreihundert Gramm!“ „Aber was mir
nicht aus dem Kopf geht - wieso Lewiandowski-Ostertag? Und dann noch Doktor
von.... So heiße ich doch gar nicht!“
„Seit heute schon, meine Liebe,
seit heute schon, sagte ich mit näselnder Butlerstimme.
Nachdem sich das Problem meiner Freundin
so leicht lösen ließ, frage ich mich, wie viele der feinen Leute
in dem feinen Laden wohl durch den gleichen Trick geadelt und betitelt
wurden...Und im Falle meiner Freundin trotz- oder womöglich sogar
wegen äusserer Nonkonformismen, wie zum Beispiel ein Mickmouse-Outifit,
mit dem sie allen möglichen Modeströmungen standhaft trotzte.
Und das schon seit geraumer Zeit:
Mickymouse -
oder
Snoopy ist unheimlich
krank
Das Mädchen, in das ich mich verliebte,
besaß - unter anderem natürlich - ein winziges weißes
Köfferchen. Auf diesem Köfferchen waren Minimouse und Mickymouse
abgebildet, und sie trug das Köfferchen mit sichtlichem Vergnügen
auch bei ziemlich offiziellen Anlässen.
Als ich das Köfferchen zum ersten
Mal sah, gab mir sein Anblick einen kleinen freudigen Stich. Es war wie
ein Wiedersehen nach langer Zeit. Früher als Bub hatte ich alles verschlungen,
was mit Mickymouse zu tun hatte. Natürlich auch mit Donald und seinen
Neffen und der übrigen Verwandtschaft.
„Meinst du nicht, du seist ein bißchen
groß für Mickymouse“, fragte mich dann später meine Frau.
Zuerst fragte sie es freundlich neckend. Später dann aber mit immer
schärfer werdendem Unterton. Und als eines Tages alle Heftchen meiner
Knabenzeit spurlos verschwunden waren, wagte ich nicht einmal, danach zu
fragen.
Vielleicht ist meine Ehe nicht gerade
daran gescheitert - aber irgendwie daran auch. „Magst du Mickymouse?“ fragte
mich das Mädchen mit dem Köfferchen, als ich beide einghend betrachtete.
Ich will nicht sagen, daß ich mich deswegen in sie verliebte - aber
irgendwie deswegen auch.
Mein Nachholbedarf in Sachen Mickymouse
wurde seither reichlich befriedigt. Sie besitzt nämlich nicht nur
das besagte Köfferchen. Sondern auch zwei Tassen. Eine mit Micky und
eine mit Mini. Und nicht nur die beiden Tassen - auch ein Telefon.
Das Telefon ist ein stehender Micky, der
einen Arm ausstreckt. Das ist die Gabel. Und darauf liegt der Hörer.
Außer dem Köfferchen, den Tassen und dem Telefon hat sie auch
noch ein T-Shirt. Vorne ist Micky von vorne drauf und hinten von hinten.
Ich möchte nun nicht den Eindruck
erwecken, daß sie einen Mickymouse-Fimmel hat, sondern sie benutzt
diese Gegenstände genauso selbstver-ständlich wie übrige
auch. Wie ihre Mickymouse-Zahnbürste, ihre Mickymouse-Umhängetasche,
ihre Mickymouse-Armbanduhr und die Mickymouse-Blechdose, die sie sogar
als Geldbörse benutzt.
„Du sollst nicht denken, daß ich
einen Mickymouse-Fimmel habe“, sagte sie daher, als ich all diese Gegenstände
eingehend betrachtete. „Das denke ich auch gar nicht - ich mag Mickymouse“,
beeilte ich mich zu bemerken. „Ich finde es niedlich“, fügte ich verstärkend
hinzu. Sie war nicht ganz beruhigt. „ Du glaubst, daß ich spinne“,
sagte sie skeptisch. „I wo, kein bißchen. Ich mag ...“ aber das sagte
ich ja bereits.
Zum Glück hatte sie ziemlich zu Beginn
unserer Freundschaft Geburtstag. Und so fiel es mir gar nicht schwer, ein
sinniges Geschenk für sie zu finden. „Wo kriegt man denn alle diese
Mickymouse-Dinger?“ fragte ich aus diesem Grund eine Kollegin, die ein
T-Shirt trug mit einem reliefartig gestalteten Micky darauf. Wenn man dem
auf die Nasenspitze drückte. dann quiekte es.
„Du bist mir aber einer“, sagte sie, und
es kam mir für einen Moment vor, als ob sie errötete. Dabei hatte
ich es ganz anders gemeint. Als das Mißverständnis aufgeklärt
war, sagte die Kollegin lachend: „Ich bring dir morgen was mit - für
deine Süße.“
Das tat sie dann auch. Es war eine allerliebste
Minimouse. Besser, der Kopf von Minimouse. Ganz aus durchscheinendem Plastik.
Obendrauf eine blaue Haarschleife und innen drin eine Glühlampe.
„Das ist schön krank“, sagte die
Kollegin. Und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß „krank“ für
höchstes Lob in Sachen ausgeflippte Gegenstände steht, und daß
die Mickymouse-Mode eben „schön krank“ ist. Man lernt immer noch was
dazu.
„Au Klasse, sowas hat mir gerade noch
fürs Klo gefehlt“, sagte meine Freundin, als sie die Minimouse aus
dem zähen Gebilde von Geschenkpapier und Klebeband befreit hatte-
ich bin ein schlechter Einpacker.
Ich nahm an, daß Geschenke fürs
Klo besonders krank sind und freute mich mir ihr. Mit geschärftem
Blick bin ich seither durch die Stadt München gegangen. Zu meiner
großen Freude entdeckte ich, daß Mickymouse - ohne, daß
ich darauf geachtet hatte - einen bedeutenden Teil der Großstadtjugend
erobert hat.
Was für uns damals - mein Gott, wie
das klingt „damals“ - die Mickymouse-Heftchen waren, das ist für die
heutige Jugend - ich will sie deswegen nicht weniger literat nennen - das
absolut kranke „Durchgestyl-Sein“ mit freundlich grinsenden Gestalten aus
Entenhausen.
Ich darf gar nicht daran denken, daß
meine Eltern - und später meine Frau- das bloße Lesen von Mickymouse-Heften
für den Beginn des absoluten Untergangs der abendländischen Kultur
hielten. Ich mag Mickymouse.
„Bernd Eichinger hat auch ein Mickymouse-Telefon,
widersprach meine Freundin, als ich ihr meine These von der durchgestylten
Mickymouse-Jugend erläuterte. „Aha, und wer ist Bernd Eichinger?“
„Na, der Typ von der Neuen Constantine.“ „Soso“. Ich nahm an, daß
Bernd Eichinger ein gebrechlicher älterer Herr sei und stellte mir
vor, wie er mit schwacher Hand die Drucktasten seines Micky-Telefons bediente.
Inzwischen habe ich ihn kennengelernt.
Das ist ein total durchgestylter Typ mit superkurzen Haaren und Turnschuhen
an den Füßen. Gut zehn Jahre jünger als ich.
Das Phänomen hat demnach alle Altersstufen
erfaßt. Und ich ertappe mich selbst, wie ich beim Bedienen unseres
Mickymouse-Telefons unwillkürlich die Stimme eine Oktave höher
schraube und auch viel schneller spreche. Genau wie Mickymouse.
Für meine Notizen habe ich mir einen
Mickymouse-Schreibblock zugelegt. Mein Schreibgerät ist ein entsprechend
gestalteter Kugelschreiber.
Übrigens bin ich froh, daß
mir mein Einkommen die Erfüllung von ein paar Sonderwünschen
erlaubt, denn billig ist es nicht, sich dem Trend anzuschließen.
Allein die Anschaffung des dringend benötigten Telefons beläuft
sich auf 475 Mark im Schatten. Rechnet man all die übrigen nicht minder
dringend benötigten Utensilien dazu, so kommt man spielend auf zweitausend
Mark. Spielend sage ich.
So klingelte zum Beispiel jedesmal in
einem der schätzungsweise drei Dutzend Münchner Geschäfte,
die seinerzeit ganz vom Vertrieb von Mickymouse leben, die Kasse,
wenn meine Freundin „Ui“ sagt. -
Ui sagte sie das letzte Mal, als sie eines
Andy-Warhol-Bildes ansichtig wurde. Es stellte -Sie haben richtig vermutet
- Mickymouse dar. Nicht einmal sonderlich verfremdet. Lediglich mit einer
Art Gloriole um den Kopf, die ihm vermutlich der Groß- und Einzelhandel
verliehen hat zum Dank für vorzügliche Umsätze.
Da es sich bei dem Warhol-Bild um ein
Geschenk von mir an sie handelte - nämlich um das unabdingbare Bild
über unserem Bett, werde ich an dieser Stelle den Preis nicht verraten.
Mit Rahmen war er jedenfalls gesalzen.
Jetzt sind auch wir total durchgestylt.
Mickymouse-mässig. Deshalb hat mich der neuerliche Besuch in einer
kranken Münchner Boutique auch besonders hart getroffen.
Keine Spur von Mickymouse! Fast keine.
Nur ein schäbiger Radiergummi und ein plastiküberkuppeltes Micky-Mini-Hochzeitspaar,
bei dem es schneite, wenn man es auf den Kopf stellte. „Micky-Klamotten?“
fragte das Mädchen an der Kasse und bekam einen grünlichen Schimmer
um die Nase. „Mickymouse ist out. Ich habe drei Jahre lang jeden Tag Mickymouse
verkauft. Ich kann nichts mehr sehen.“
Ich war erschüttert. Sie sah die
Tränen in meinen Augen und versuchte mich zu trösten: „Nehmen
Sie Snoopy. Snoopy ist unheimlich krank. Snoopy kommt.“
Da half es auch wenig, daß wir neuerdings
das lebende Vorbild von Mickymouse zu Gast hatten:
Mus musculus, die gemeine
Hausmaus
Zum ersten Mal erblickten wir unsere ungebetene
Besucherin beim Fernsehen. Sie saß auf der Lehne eines Sessels und
schaute angestrengt in Richtung Bildröhre.
„Was sitzt denn da Komisches auf der Sessellehne?“
fragte meine Freundin beiläufig. „Das ist eine gemeine Hausmaus, Mus
musculus“, klärte ich sie auf. „Möchtest du damit im Ernst behaupten,
daß sich in unserem Haus eine Maus aufhält?!“ rief sie ungeachtet
ihrer Vorliebe für zweidimensionale Mickymäuse im Weglaufen von
der Tür her. „Schaff sie gefälligst hinaus!“ Als hätte ich
das Untier persönlich hereingebeten.
Inzwischen hatte sich Mus musculus hinter
den Bücherschrank verkrümelt. Von Hinausschaffen konnte keine
Rede mehr sein.
Und da der Fernsehabend ohnehin geplatzt
war, nahm ich „Knaurs Tierreich in Farbe“ aus dem Bücherschrank, hinter
dem die Maus saß, und las: „Die Hausmaus folgt dem Menschen nahezu
überallhin. Sie ist einfarbig grau, wiegt 26 Gramm und mißt
20 cm bei 10 cm langem Schwanz.“
Das hatten wir gesehen. Aber das wußten
wir noch nicht: „Das Weibchen wird mit zwei bis drei Monaten geschlechtsreif,
es wirft nach 20 Tagen Trächtigkeit drei- bis achtmal im Jahr neun
Junge...“
Klarer Fall: Wir hatten die Vorhut einer
Mäuseplage im Haus. „Sie fressen alles, was sich zerbeißen läßt“,
hieß es weiter. Meine Manuskripte zum Beispiel. Da mußte ein
Kammerjäger her. Schluß mit der Mäuseplage!
Am nächsten Abend saß Mus musculus
wieder auf der Sessellehne, machte Männchen, putzte sich und beäugte
uns ernsthaft. „Eigentlich ist sie ja ganz niedlich“, meinte meine Freundin,
die ihren Schreck vom Vorabend überwunden hatte.
„Nein, sie ist nicht niedlich, sondern
der Beginn einer Mäuseplage, die meine Manuskripte vernichten wird“,
widersprach ich. „Heute habe ich den Kammerjäger angerufen. Er kommt
morgen.“ „Was macht ein Kammerjäger?“ wollte die Frau an meiner Seite
wissen. „Er vernichtet Ungeziefer.“ - „Und wie, bitte schön, gedenkt
er in unserem Haus Ungeziefer zu vernichten?“
Sie war hellwach und sehr mißtrauisch.
Auch die Maus hatte sich wieder hinter den Bücherschrank verzogen.
Vermutlich baute sie bereits an ihrem Nest oder legte ein Gängesystem
an.
„Er wird Gift legen.“ - „Gift!“
„Genau, Gift.“ „Dieser entmenschte Typ wird also dieser unschuldigen Maus
Gift einflößen, an dem sie qualvoll zugrunde gehen wird.“ Und
in den Augen meiner Freundin konnte ich lesen: „Mörder!“
Es war klar, daß sie damit mich
meinte, als Helfershelfer eines finsteren Mordgesellen. Die Maus blieb.
Sie sah jeden Abend mit uns fern. Mir schien, daß sie „Tom und Jerry“
besonders schätzte, wo immer die Maus gewinnt. Aber das konnte auch
Einbildung sein.
„Es ist nicht nötig, daß du
die Maus fütterst“, sagte ich nach einer Woche, als ich sah, daß
meine Liebste ein Schälchen Milch hinter den Sessel stellte. „Sie
ernährt sich von meinen Manuskripten!“ Das tat sie wirklich. Vom Deckkblatt
einer Kurzgeschichte hatte sie eine große Ecke abgefressen.
Meine Freundin fand das komisch. Ich nicht.
Nach einer weiteren Woche hatte sich die Maus halbwegs durch ein Interview
mit Ephraim Kishon durchgefressen. Immerhin schien sie einen gewissen Sinn
für Humor zu haben
„Du mußt deine Sachen eben
einschließen“, sagte meine Freundin tadelnd. Von jetzt an fütterte
ich die Maus selber. Aber sie verschmähte Speck und Käse. Sie
bestand auf Papier. Auf Schreibmaschi-nenpapier. Auf meinen Manuskripten!
Meine schlimmsten Befürchtungen hatten
sich bestätigt. Zwar blieb unsere Maus Single, aber sie entwickelte
einen unglaublichen Appetit auf Literatur. „Vielleicht übt sie auf
diese Weise Literaturkritik“, meinte meine Freundin mit dem ihr eigenen
Humor.
Am nächsten Tag kaufte ich eine Falle.
Eine sogenannte Schlagfalle. „Schnell und schmerzlos“, hatte der Verkäufer
gesagt. Heimlich stellte ich sie hinter einem Stapel Manuskripten auf.
Es war nicht heimlich genug. Die Dame
des Hauses hatte mich beobachtet. Sie hatte sich hinter mich geschlichen.
Wortlos ließ sie die Falle mit einem Brieföffner zuschnappen.
Wortlos ging sie zu Bett und schloß die Tür hinter sich. Eine
Woche lang sprach sie kein Wort mit mir. Eine Woche lang brachte ich kein
Wort zu Papier. Indes fraß die Maus einen Zettelkasten nebst Inhalt.
Das Ergebnis jahrelanger Recherchen.
„Ich sehe ein, daß wir die Maus
loswerden müssen“, sagte meine Freundin, als sie wieder mit mir sprach.
„Wir kaufen eine Falle, in der man Mäuse lebend fangen kann.“
Sie hatte sich bereits erkundigt. Es gab
noch einen alten Fallenbauer, der humane Mäusefallen herstellte. Er
lebte weit draußen vor der Stadt auf einem alternativen Bauernhof,
wo er seinem human Handwerk nachging. Die Falle, handgemacht, versteht
sich, hatte den Preis einer raren Antiquität. Den Köder bildete
ein Gedicht von mir, das ich besonders schätzte. Natürlich hatte
ich es vorher kopiert, ohne daß die Maus es bemerkt hatte.
In der Nacht fraß die Maus den Köder
aus der Falle nebst der im Schreibtisch versteckten Kopie. Die Falle blieb
leer. Ich bog die Stäbe des Einschlupflochs enger zusammen und versuchte
es noch einmal mit Lyrik sowie mit einer kleinen Menge feinsten Champagners.
In jener Nacht fraß die Maus die Lyrik, trank den Champagner und
schlief an Ort und Stelle ein. Ich hoffe über dem Champagner. Jedenfalls
saß sie am Morgen etwas beduselt in der Falle und blickte mich aus
ihren schwarzen Knopfaugen haßerfüllt an. Ein Blick, der mich
an irgend etwas erinnerte.
„Sie ist einfach süß.
Schau mal, wie sie sich putzt!“ sagte meine Freundin, die alle natürliche
Scheu verloren hatte, die Frauen beim Anblick von Mäusen zu empfinden
haben. Die Maus saß in ihrer Falle auf dem Frühstückstisch
und wurde mit Käsekrümeln gefüttert, die sie gnädig
annahm. „Hausmäuse können in der freien Natur nicht überleben.
Sie sind quasi domestiziert“, dozierte mein Gegenüber. “Wir können
sie aslso nicht einfach aussetzen”.
Sie hatte sich inzwischen mit einschlägiger
Lektüre eingedeckt und auch ein passendes Terrarium besorgt. Es stand
in der Garage und mußte nur noch an die Maus übergeben werden.
Inzwischen stehen Maus nebst Mausehaus
im Regal. Ich schreibe ihr täglich zwei Gedichte, um sie bei Laune
zu halten. Aber es passiert mir trotzdem noch, daß mir aus einem
aktuellen Manuskript zum Beispiel plötzlich das letzte Blatt fehlt.
Ich habe meine Freundin im Verdacht, daß sie hinter meinem Rück....
Tiere, solange sie die Größe
unserer Mus Musculus haben, die wir inzwischen “Mausepaul” getauft haben,
weil wir annehmen, daß es sich um einen Mauseherrn handelt, kleine
Tiere, wie gesagt vermögen mich nicht zu schrecken. Anders sieht die
Sache bei Lebewesen aus, die größer sind als ich selbst. So
groß, wie zum Beispiel ein Untier namens “Genua”.
Tiere die Namen tragen wie “Genua”, “Weltmeister”,
“Abendröte” “Bettgestell” oder “Appartementhaus” sind - der
Kundige hat es längst erraten der Gattung Equs zuzuordnen - zu deutsch:
Pferd.
Pferde sind nicht nur furchterregend groß,
sie sind vor allem hoch. Und ich hatte zwar schon früh begriffen,
daß man von ihnen sehr leicht herunterfallen kann nicht aber,
wie man erst hinaufkommt.
Beide Erfahrungen standen mir unmittelbar
bevor, auch wenn ich davon noch nichts ahnte...
Wie man Genua um den inneren
Schenkel biegt...
Von allen Sportarten interessiert mich
der Reitsport wegen der erwähnten Übergröße des Sportgeräts
am zweitwenigsten. Doch aus lauter Gemeinheit hat mir das Schicksal
eine Freundin beschert, die den Reitsport am zweitliebsten mag. Die erste
Stelle nehme - zum Glück - immer noch ich und die einzige von mir
aktiv ausgeübten Sportart ein.
Ein geringer Trost für mich, denn
eingedenk meiner equestrischen Abneigung schlich sie sich jeden Morgen,
den Gott schenkte, allein aus unserem warmen Bett und in einen weit entfernten
Reitstall. Sie besaß nicht nur besagte Vorliebe, sondern auch noch
ein Reitpferd namens Genua, das bewegt zu werden begehrte.
Dann kam der Tag, den ich lange genug
vor mir hergeschoben hatte: eine persönliche Begegnung zwischen dem
Gaul und mir war unvermeidlich geworden. Schließlich gehörte
er ja gewissermaßen zur Familie.
Genua zu treffen, das bedeutete nachtschlafende
Zeit, denn Pferde scheinen aus unerfindlichen Gründen nur vor dem
Aufstehen ansprechbar zu sein. „ Du mußt ganz ruhig von vorn auf
sie zugehen und die Hand ausstrecken“, sagte meine Freundin, „ das beruhigt
sie.“ „Was heißt `beruhigt sie`?“ fragte ich zaghaft- „Ist sie denn
so aufgeregt?“ „Was heißt aufgeregt“, erwiderte meine Freundin, die
keine Ahnung hatte, daß mir allein der Gedanke an ein Pferd Angstschauer
über den Rücken jagte, „sie ist ein Satan.“ „Aha, ein Satan“,
brachte ich tonlos hervor.
Der Satan wieherte schon, als wir
in den Reiterhof einbogen, wo Genua in Vollpension lebte. . „Sie
erkennt meinen Automotor“, erläuterte meine Freundin.
Ich habe Pferde schon immer für furchterregend
groß gehalten. Genua war das erste Pferd, das ich aus nächster
Nähe sah. Jetzt sah ich: Pferde sind nicht nur groß, sondern
riesengroß.
Zum Glück trat sie mich nicht gleich,
dafür machte sie Anstalten, mich zu fressen. Sie begann mit meinem
Hemd. „Sie bettelt“, sagte meine Freundin. „Jetzt will sie eine Mohrrübe.
Wir kaufen dir ein neues Hemd.“
Seit jenem Tag trage ich ständig
Mohrrüben bei mir. Nachdem Genua mich beinahe vernascht hatte,
kam einer jener Typen auf mich zu, die ich schon aus Prinzip nicht leiden
kann: groß, braungebrannt, weiße Zähne, wiegender Gang,
kräftige Muskeln. „Aha, du bist also der Neue“, sagte er und zerquetschte
mir die Hand. „Laß dich mal ansehen!“
Er ging um mich herum wie beim Pferdekauf.
Jetzt erst dämmerte mir, worauf ich mich bei meinem Besuch im Pferdestall
eingelassen hatte, denn der Kerl hatte jenen informierten Gesichtsausdruck
aller Ausbilder der Welt: man wollte mir das Reiten beibringen!
„Bißchen schlaff,“ meinte der Braungebrannte.
„Übrigens: Manfred.“ Mit ersterem meinte er mich, mit zweitem sich.
Unter der Versicherung, daß wir das schon hinkriegen werden, wandte
sich Manfred seinem eigenen Pferd zu und unterhielt sich mit ihm in einer
mir unverständlichen Sprache.
Auf meine dringende Einlassung hin blieb
mir an jenem Tage immerhin die erste Reitstunde erspart. Aber ich sollte
mir (aus sicherer Entfernung) den Reitbetrieb mal anschauen.
Als wir uns der Reithalle näherten,
hörte ich besagten Manfred brüllen: „Das einzige, was bei dir
klappt, ist der Arsch!“ Und : „Mensch, laß doch diese Ehestandsbewegungen!!“
Das machte mich neugierig. Sollte ich doch gleich erfahren, womit meine
Freundin ihre Morgenstunden verbrachte, statt bei mir im Bett zu bleiben...
Aber ich bekam nur ein armes Menschenwesen
zu Gesicht, das sich krampfhaft mühte, nicht von einem Pferd herunterzufallen.
Jetzt rief Manfred: „Terrab!“ Woraufhin sich das Pferd viel rascher bewegte.
Der Mensch auf dem Pferd mußte sich noch den Vergleich mit dem Glöckner
von Notre Dame gefallen lassen sowie die Aufforderung, gefälligst
zu Hause zu pennen, ehe er, völlig gebrochen, entlassen wurde.
Meine Freundin kommentierte: „Rauh, aber
herzlich.“ Manfreds Ton änderte sich entscheidend, als eine kleine,
aber üppige junge Dame die Arena betrat. „Nun zeig mal schön,
was du hast“, forderte er sie auf. „Brust raus. Ja, so haben wir es gerne“,
säuselte er. Sie schenkte ihm einen langen schmelzenden Blick und
tat, was von ihr verlangt wurde. In mir begann es zu kochen.
„Mit dem Kreuz mußt du arbeiten,
mit dem Kreuz!“ rief Manfred jetzt mit Emphase. Nicht, ohne hinzuzufügen:
„Sonst kannst du das doch auch!“ Er schien es zu wissen. „Weißt du
was“, sagte meine Freundin, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutete,
in einem plötzlichen Einfall: „Ich werde dich selbst unterrichten...“
Ich hatte ohnehin bereits beschlossen
gehabt, in Zukunft öfter mal dabei zu sein, schon um die Dinge unter
Kontrolle zu halten. Noch im Wegfahren hörte ich hinter mir Manfreds
Stimme: „Mehr Druck mit dem inneren Schenkel, Herr Gott noch mal...“
Meine Freundin verkündete, daß
ich erst einmal eingekleidet werden müßte, und zwar bei ihrer
besten Freundin Brigitte, die ein Reitsportgeschäft betreibt...
Wenn ich schon Reitstiefel zu tragen hätte,
so wünschte ich mir ein Paar schicke braune, wie ich sie im Schaufenster
gesehen hatte. Aber meine Freundin raunte mir ins Ohr: „Um Himmels Willen,
keine braunen. Sowas tragen nur Angeber und Italiener. Man trägt schwarz.“
Schwarze Reitstiefel machen mir aber Angst.
Doch, was sollte ich tun, wollte ich nicht als Angeber oder Italiener dastehen....
Ein paar Grundbegriffe der Reiterei sind
ja jedem klar: man zieht am linken Zügel, das Pferd geht nach links.
Man zieht am rechten Zügel, das Pferd geht nach rechts. Man gibt die
Sporen, das Pferd wird schneller. Man zieht an beiden Zügeln, das
Pferd steht. So jedenfalls habe ich es in tausend Western-Filmen gesehen.
Doch am nächsten Tag dämmerte
mir dann, daß Reiten etwas anderes ist, als ich bisher gedacht hatte.
Zum Beispiel zog ich am linken Zügel (als ich mit einiger Mühe
endlich oben saß) - Genua blickte mich über die linke Schulter
an. Ich zog am rechten Zügel, Genua blickte mich über die rechte
Schulter an. Ich wollte ihr die Sporen geben - ich hatte keine. „Die gibt
es erst, wenn du richtig reiten kannst“, sagte meine Freundin. „Sporen
muß man sich verdienen.“ Ich war auf der Spur der Quellen des Volksmundes.
Von nun an erfuhr ich Dinge, die mir nicht
in meinen kühnsten Träumen eingefallen wären. Daß
es nämlich darauf ankommt, „das Pferd um den inneren Schenkel zu biegen“,
daß man „am äußeren Zügel so tut, als ob man einen
Schwamm ausdrückt“, daß man „mit den Gesäßknochen
Signale gibt“, daß man „mit dem Kreuz treibt“ und daß all das
zusammen einen Dreck nützt, wenn man es nicht mit Gefühl macht.
Während sie mir all das erläuterte,
stand meine Freundin in der Mitte der Reitbahn. Das kleine Persönchen
hatte plötzlich die Autorität von drei Feldwebeln. Sie
war ein völlig anderer Mensch. Ich auch. Ich hing wie ein Häuflein
Elend auf Genua, während sie mit mir - deutlich unwillig und sich
ab und zu spöttisch lächelnd nach mir umsehend - im Kreise trottete.
Als ich am nächsten Morgen versuchte aufzustehen, sank ich mit einem
Schmerzenslaut wieder in mich zusammen. Mir taten sogar Körperteile
weh, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte.
„Das beweist zweierlei“, dozierte
meine Freundin. „Erstens, daß Reiten echtes Körpertraining ist,
und zweitens, daß dein Körper das vermißt...
“Mir dämmerte, was Manfred mit `schlaff`
gemeint hatte. Meine Fortschritte zu Pferde konnte ich am Nachlassen meiner
Schmerzen ablesen.
Aber jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt.
Meine Freundin zu sehen, wie sie Genua dazu brachte, elegant zu tänzeln,
zu galoppieren, aus vollem Galopp auf der Stelle zu stehen und sogar rückwärts
zu gehen, das nötigte mir Neid und Bewunderung ab. Denn schließlich
tat Genua mit mir nichts dergleichen.
Hätte mir meine Freundin nicht ständig
versichert, was ich für gewaltige Fortschritte mache, ich hätte
es nicht geglaubt. Mein Damaskus kam an dem Tag, als es mir gelang, Genua
aus dem Trab mit einem Schlag zum Stehen zu bringen und ich infolgedessen
zwischen ihren Ohren durch kopfüber in den Torfmull stürzte.
„Siehst du“, sagte meine Freundin, indem
sie mir aufhalf. „So wird´s gemacht. Jetzt hast du es begriffen.
Schade nur, daß du zum Schluß vergessen hast, oben zu bleiben.“
Ich glühte vor Stolz. „Bekomme ich jetzt Sporen?“ fragte ich. „Nein,
jetzt wirst du anfangen, reiten zu lernen!“
Das war das Ende der sanften Tour. Sie
hat mich geschliffen wie für eine Nahkampfausbildung und dabei geflucht
wie ein Kutscher.
Genua indessen hat immer seltener spöttisch
gelächelt. Der zwangsweise häufige Aufenthalt unter freiem Himmel
hat mich gebräunt, und das harte Training hat meinen Körper gestählt.
Männliche Neulinge betrachten mich mit jenem scheelen Blick, der besagt:
„Typen wie dich kann ich schon aus Prinzip nicht leiden.“ Und seltsam,
während es mich in aller Herrgottsfrühe hinaus zum Pferdestall
zieht, sagt meine Freundin jetzt immer häufiger: „Ach, laß uns
noch eine Weile im Bett bleiben...“
Das stärkt natürlich mein Selbstbewusstsein,
das im Lauf unseres bisherigen Zusammenlebens ein wenig gelitten hatte,
ungeheuer.
***
Ich war jetzt soweit, unsere Beziehung
auf eine ganz besondere Probe zu stellen, und ich beglückwünschte
mich zu meinem genialen Gedanken. Ehe ich diesen Gedanken näher erläutere,
muss ich - zum besseren Verständnis- ein wenig ausholen:
Als wir uns kennenlernten,
geschah das anläßlich einer jener vorweihnachtlichen Münchner
Edel-Parties mit Käfer-Buffett, Klavierspieler, Zauberkünstler
sowie der zugehörigen Partybe-setzung von Drehbuch-Autoren, Dauerfreundinnen,
Schönheitschirurgen, Schnorrern, Prinzen, Pornopro-duzenten, Jungstars,
Jet-Set-Malerinnen, Regisseu-ren und Journalisten.
Zu jener Zeit pflegte ich Einladungen
dieser Art, wenn auch zögernd, so doch zu akzeptieren, zumal man als
Junggeselle in München gut daran tut, über das Angebot und die
Neuzugänge auf dem laufenden zu sein.
Die Konkurrenz schläft nicht, beziehungsweise
mit den falschen Damen. An jenem Abend wurde ich auch einer kleinen quirligen
Person vorgestellt, an der mir vor allem das strahlende Lächeln auffiel,
das sie mir schenkte. „Vermutlich ist sie kurzsichtig“, dachte ich dann
gleich darauf, als ich sah, daß sie eben jenes Lächeln auch
anderen schenkte, die nicht halb so attraktiv sind wie ich.
„Sie ist die linke und die rechte Hand
des Veranstalters, zuständig für Werbung und PR und im übrigen
Teilhaberin einer Finanzierungsgesellschaft“ erfuhr ich, als ich mich diskret
nach ihr erkundigte „und außerdem, laß lieber die Finger von
ihr. Der bist du nicht gewachsen“...
So etwas darf man mir nicht zweimal sagen.
Augenblicklich schaltete ich auf Charme. Meiner Sunny-Boy-Nummer hat so
leicht noch keine widerstanden.
Sie widerstand. Tagelang. Wochenlang.
Ich heftete mich an ihre Fersen. Sie widerstand. Ich schickte Blumen -
sie dankte kühl. Ich begann, schlecht zu schlafen und abzumagern.
Ich war verliebt. Sie blieb freundlich.
„Ich glaube, es war deine Ausdauer, die
mich überzeugt hat“, sagte sie später, als sie mir das Leben
gerettet hatte, indem sie mich dann doch noch erhörte.
Sie war mir überlegen. Und so blieb
es. Das verunsicherte mich. Sie hatte die Schickeria, ihren Chef und mich
fest im Griff und außerdem noch ein halbes Dutzend von ihr veranstaltete
Stammtische. Sie war die Tüchtigkeit in Person. Daran hatte sich in
der letzten Zeit auch wenig geändert - sie dachte an alles, wusste
alles, war immer und überall Herr der Situation oder müsste man
besser sagen “frau der Situation?” Soweit die Vorgeschichte.
Und nun zurück zu meinem genialen
Gedanken:
Die Reise nach Jerusalem
Mein genialer Gedanke ging also wie folgt:
Hier in München hatte sie Heimvorteile. Wie wäre es, sie auf
ein Terrain zu entführen, das sie verunsichern würde, und wo
ich zudem die Heimvorteile auf meiner Seite hätte.
Ich dachte an eben jenes ferne Land im
Nahen Osten, von dem einmal ein bedeutender Humorist sagte: „Es ist so
klein, daß man nicht weiß, was man am Nachmittag tun soll,
nachdem man es am Vormittag besichtigt hat.“
Ein Land, in dem ich nichtsdestoweniger
aus gegebenem Anlaß einen wichtigen Lebensabschnitt verbrachte und
wo ich jeden Hund auf der Straße kannte.
Ich dachte auch nicht an ein schickes
Strand-Hotel, wo sie sofort wieder auf bekanntem Terrain wäre, sondern
eher an das einfache Leben auf dem Lande, fernab jeder Zivilisation.
„Das ließe sich im Prinzip einrichten“,
sagte sie, als ich ihr meine Idee unterbreitete. „Wo werden wir wohnen?“
„Mein Freund Zuri besitzt einige Wohnmobile.
Eines davon würde er uns zur Verfügung stellen. Auf diese Weise
könnten wir Land und Leute am besten kennenlernen.“
„Wann wollen wir fahren?“ fragte sie.
Immer tüchtig, immer auf der Höhe der Ereignisse. Na warte!
Als erfahrene Alleinreisende bestand sie
darauf, selbst zu packen. Sie tat das gründlich und ausdauernd. Sie
brauchte dazu fast einen Tag.“ Schließlich werden wir einige Zeit
unterwegs sein,“ meinte sie.
Gespannt beobachtete ich ihre Miene, als
ihr der Kontrollbeamte am Flugplatz erklärte: „Bitte, packen Sie aus“,
„Alles?“ fragte sie. „Alles. Tut mir leid.“ Täusche ich mich, oder
sah ich einen Anflug von Unsicherheit auf ihren Zügen?“
Offenbar lernte der Kontrollbeamte gerade
einen Assistenten an, denn er verkündete laut, was zum Vorschein kam:
„Eine Pfeffermühle, Messing“ - der Assistent wiederholte. “Ein Eßbesteck
gold.“ „Ein Eßbesteck gold“, kam das Echo. „Noch ein Eßbesteck
gold“ „noch ein Eßbesteck gold.“ „Zwei Kerzenleuchter gold“ „Zwei
Kerzenleuchter gold“ „Ein Käsebrett - groß“ „Wie
bitte?“ „Das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ protestierte
meine Freundin.
Zum ersten Mal vibrierte es verräterisch
in ihrer Stimme. „Aha“, sagte der Kontrollbeamte, der bei Reisenden in
besagtes Land einiges gewohnt ist. Nach dem Bügeleisen und der elektrischen
Saftpresse kamen noch ein Getränkemixer, ein Sektkühler, eine
beschichtete Bratpfanne sowie eine vollständige Gewürzsammlung
ans Licht - abgesehen von Dingen, die jede Frau in ihrem Koffer hat,
wenn sie in die Ferien fährt.
Was mich am meisten wunderte, war die
stoische Ruhe und das unbewegte Gesicht des Beamten, wie er sich zum Beispiel
die Funktion des Föns erläutern ließ. Mein Gesichtsausdruck
dagegen muß unbeschreiblich gewesen sein.
Als ich wieder Worte fand, sagte ich nur:
„Eigentlich bin ich ganz froh, daß du keine Schneeschippe mitgenommen
hast.“ „Wie meinst du das?“ fragte sie. Ich sagte es lieber nicht.
Kaum im Flugzeug, begann sie damit, eine
Reihe von Hebräisch-Büchern sowie den „gedeckten Tisch“,
das Standardwerk des jüdischen Brauchtums und den Talmud auszubreiten.
„Wenn ich schon in ein unbekanntes Land
reise, dann möchte ich wenigstens die Grundbegriffe der Sprache und
der Landes-Sitten beherrschen“, sagte sie. Die Passagiere des Flugzeugs
- zumeist Heimreisende - waren begeistert. Die Bücher gingen von Hand
zu Hand. Meine Freundin war sofort Mittelpunkt einer improvisierten Unterrichts-Szene.
Als die Küste Israels unter uns auftauchte,
und alle Passagiere das Lied „Heveinu Shalom Aleichem“ anstimmten, was
sie an dieser Stelle immer tun, um dem Piloten Mut zur Landung zu machen,
beherrschte sie bereits in Wort und Schrift Dinge wie „Diese Schuhe sind
mir viel zu teuer, ich zahle die Hälfte“, sowie: „Ich lasse mir doch
keinen vergammelten Fisch andrehen!“
Sie hatte die Einladungen zu sieben Grillparties,
fünf Picknicks, einer Beschneidungsfeier und einer Besteigung der
Festung Massada angenommen. Zwei anwesende Rabbiner stritten sich darum,
welche ihrer ebenfalls anwesenden Ehefrauen meiner Freundin nach welcher
Lehre das Judentum beibringen sollte, und ein Steinhändler bot sich
an, sie zum Ehrenmitglied der Diamantenbörse von Ramat Gan zu machen.
Für die überreichten Visitenkarten
mußte sie von der Hostess eine zusätzliche Plastiktüte
erbitten.
„Nette Landsleute hast du“, sagte
sie, als wir den Boden des Heiligen Landes betraten und uns durch das Spalier
der Taxifahrer schlugen, die an unserem Gepäck zerrten. „So, findest
du?“ fragte ich.
Die erste Runde ging an sie.
Zuri mit dem Wohnmobil war bereits da.
Das war weder zu übersehen noch zu überhören: Eine beflissene
Polizistin muß ihn aufgefordert haben, mit dem Gefährt aus der
Anfahrt zu verschwinden. Er muß ihr gesagt haben, sie solle sich
um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, zum Beispiel um ihren Mann
und ihre Kinder.
Daraufhin müssen sich unter den Umstehenden
zwei Lager gebildet haben. Jedenfalls ging es hoch her, als wir durch unser
Dazwischentreten den Streit beendeten. Alle brachen in Beifallsrufe aus.
Meine Freundin dankte nach allen Seiten.
„Die Dusche solltet ihr nur im Notfall
benutzen“, meinte Zuri. Das Duschbecken hat einen Riß. Manchmal läuft
das Wasser in den Wagen. Den einen Koffer klemmt ihr am besten zwischen
Tisch und Kühlschrank, sonst öffnet sich während der Fahrt
die Kühlschranktür, und die Sachen fallen heraus. Ach ja, und
die Lüftungsklappe über der Toilette ist abgerissen. Am besten
stellt ihr euch nicht unter Bäume, damit keine Schlangen oder Skorpione
von oben hineinkriechen.“ „Schlangen und Skorpione“, hauchte meine Freundin
„alles verstanden“.
Unsere erste Station war Eilat. Die Fahrt
dahin verlief ereignislos, wenn man davon absieht, daß sie unterwegs
auf einer frischgepflückten Orange bestand. Die Orange war sauer und
ungenießbar. Aber eine Gruppe trampender Soldaten und Soldatinnen
benutzte die Gelegenheit, unser Gefährt zu entern und sich sofort
zum Schlafen niederzulegen. In Israel reisen die Soldaten grundsätzlich
per Anhalter zu ihren Einheiten zurück, nachdem sie ihren Müttern
die Schmutzwäsche zum Waschen gebracht haben. Wenigstens sangen sie
nicht, was sie sonst meistens tun.
In Eilat empfing uns Rafi Nelson mit offenen
Armen, nachdem wir ihm die Whiskyflasche aus dem Duty Free Shop überreicht
hatten. Rafi, Gott hab ihn selig, war so eine Art Alt-Hippie mit
nur einem Auge. Das andere hatte er angeblich im Krieg verloren. Eingeweihte
sprechen indes von einem eifersüchtigen Ehemann. Die Narbe verbarg
er unter einer schwarzen Augenklappe. Deshalb hieß er Nelson. Er
besass einen Strandabschnitt hart an der damaligen ägyptischen Grenze.
Und weil auf Rafis Strand immer so viele
Oben-Ohne-Mädchen rumlagen, behaupteten die Ägypter, daß
der Strand eigentlich ihnen gehört. Deshalb wurde eine internationale
Komission eingesetzt, um den Streitfall zu schlichten. Darauf war Rafi
sehr stolz.
Einige Jahre später haben Shimon
Peres und Jassir Arafat an genau dieser Stelle das Autonomie-Abkommen
für Palästina besiegelt. Rafi hat das nicht mehr erlebt. Er starb
trotz der großzügigen Entschädigung an gebrochenem Herzen,
als man ihm seinen Claim wegnahm. Aber zurück aus der Zukunft:
Rafi bot uns gleich seine Dusche an, da
unsere nicht funktionierte. Diese Dusche steckt im Sand und ist von einer
Schilfmatte umgeben. Das heißt, zum Teil. Zum Meer hin ist sie offen.
Man hat von hier einen schönen Blick auf ein Kanonenboot.
Wäre es nicht da, würde
man von hier aus einen schönen Blick auf das jordanische Akaba und
die Berge von Edom haben. Meine Freundin wollte duschen. Als sie zurückkam,
fragte sie: „Welche Funktion hat eigentlich das Kriegsschiff?“ „Die Soldaten
beobachten mit starken Ferngläsern Rafis Dusche“, sagte ich. Aber
sie glaubte mir nicht, obwohl es wahr ist.
„Ihr könnt gern die Eier essen, die
unsere streunenden Hühner legen“, sagte Rafi. Wir fanden die
Eier überall - in unserer Spüle, in unseren Betten und eines,
nachdem meine Freundlin sich draufgesetzt hatte. Meist waren sie noch warm.
Meine Freundin benutzte den Nachmittag
dazu, das Innere des Wohnmobils einer gründlichen Reinigung und einer
ebensolchen Neuorganisation zu unterziehen. Bald sah es aus wie bei uns
zu Hause. Zwischendurch hatte sie sich Rafis Landrover ausgeliehen, war
zum Markt gefahren und hatte sich mit den Milchprodukten, Früchten,
Gemüsen und Getränken des Landes eingedeckt. Zwei Beduinenjungen
halfen ihr, das Zeug ins Wohnmobil zu schleppen.
Als dann der Vollmond am grünlichen
Wüsten-Abend-Himmel über den Edomer Bergen aufstieg und von drüben
vom Kanonenboot getragene Weisen aus rauhen Männerkehlen herüberklangen,
gab es Yoghurt-Fruchtsalate mit Sabralikör, kalte Gemüseplatte
aus Auberginen, Kichererbsenmus und gemischten Salat mit viel Knoblauch
und Olivenöl. Dazu eine Flasche Carmelwein.
„Damit du dich zuhause fühlst“, sagte
sie. „Ist alles strikt koscher.“ Auch das noch! Auch die zweite Runde war
an sie gegangen.
Von einer weiteren Fahrt in den Ort brachte
sie nicht nur Stangeneis für unsere campierenden Nachbarn mit, denen
sie zugleich die Post besorgt hatte, sondern auch eine Reihe von weißen
Beduinengewändern, die sie fortan trug.
„Der arabische Händler wollte sie
mir eigentlich nicht geben, weil es Männergewänder seien“, berichtete
sie. „Da habe ich einen arabischen Satz gesagt, den mir die kleinen Beduinen
beigebracht haben. Das hat funktioniert. Er hat rasch alles eingepackt
und mich hinauskomplimentiert.“ „Welchen Satz hast du denn gesagt?“ Sie
sagte es mir. Ich erbleichte. „Sag das nie wieder“, bat ich sie. „Wenigstens
nicht zu einem Araber.“ Seither lernt sie auch noch arabisch.
Nur schwer trennten wir uns von Rafi und
den streunenden Hühnern, denen sich mit der Zeit auch noch zwei streunende
Ziegen, vier streunende Hunde, eine streunende Gans und ein offenbar herrenloses
Kamel zugesellt hatten, die allesamt von meiner Freundin versorgt wurden.
Vor allem das Kamel hatte es ihr angetan.
Sie hat ein Herz für die leidende Kreatur, und ich war froh, daß
das Kamel nicht ins Wohnmobil paßte.
Unbehelligt kamen wir durch die Wüste
Negev voran, bis wir eine Tankstelle erreichten, die ein Tankwart mit umgehängter
Uzi-Maschinen-Pistole bediente. Nachdem wir ihm alles erzählt hatten,
was er wissen wollte, zum Beispiel, warum wir noch keine Kinder hätten
und wie es sei, sich in einem Wohnmobil zu lieben, wieviel man verdienen
müsse, um sich ein Wohnmobil leisten zu können und warum wir
nicht für immer in Israel blieben, wollten wir weiterfahren.
Aber der Rückwärtsgang klemmte.
„Werden wir gleich haben“, sagte der Tankwart und gab meiner Freundin die
Maschinenpistole zum halten. Danach begann er, das Getriebe unseres Autos
auseinander zunehmen. Das dauerte bis in die Abendstunden, denn er wurde
von einer Gruppe von LKW-Fahrern sachkundig beraten, die auf der
Piste herangerollt waren und jetzt die Gelelgenheit zu einem improvisierten
Picknick benutzten.
Bald prasselte ein lustiges Feuer, in
dessen Schein sie mit meiner Freundin die „Hora“ tanzten. Das ist der israelische
Nationaltanz.
Als der Morgen dämmerte und die Frau
des Tankwarts mit einem Trecker auftauchte und das Frühstück
brachte, verabschiedeten sich alle. Sie versprachen, über Funk
Hilfe herbeizuholen.
Es wurde rasch heiß. Meine Freundin
wollte duschen. Die Frau des Tankwarts erklärte ihr, wie das in der
Wüste funktioniert: „Du gehst immer geradeaus entlang der Sandpiste.
Bis zu dem Strauch dort am Horizont. Dort ragt ein Rohr aus dem Sand. Dahinter
ist eine Dreh-Hantel. Wenn du nach links drehst, fließt aus dem Rohr
Wasser in ein eingegrabenes Ölfaß. Darin kannst du sogar baden.“
Und während ich mich mit einem alten Bekannten unterhielt, einem alten
Beduinen, der mit fast ebenso alten Fernsehapparaten handelt, die mit Autobatterien
betrieben werden, machte sie sich mit einem Handtuch auf den Weg.
„Sie hat mir verschwiegen, daß die
Wasserstelle von den Beduinen zum Kamele-Tränken benutzt wird,“ sagte
meine Freundin, als sie von ihrem Bade-Ausflug zurückkam. „Kaum saß
ich im Faß, tauchten sie hinter einer Düne auf. Aber wenigstens
haben sie mit dem Tränken gewartet, bis ich fertig war.“ Sie war nicht
zu erschüttern.
Am Nachmittag erschien ein Zwilling unseres
Wohnmobils in einer Staubwolke. Zuri, von den LKW-Fahrern alarmiert, hatte
ihn geschickt. Nebst drei Mechanikern, die ihrerseits wieder zwei trampende
Soldatinnen unterwegs aufgelesen hatten.
Alle fünf begaben sich alsbald zur
Kamel-Tränke, um ein Bad in der Wüste zu nehmen. Bald hörte
man es juchzen. In Israel gehen die Geschlechter sehr unkompliziert miteinander
um. Schließlich dienen sie gemeinsam in der Armee. Anschließend
ging unseren Rettern die Arbeit umso flotter von der Hand. Meine Freundin
vervollkommnete indessen ihre Hebräisch-Kennnisse und lernte drei
weitere Kapitel aus ihrem Lehrmaterial...
Vielen unserer zahlreichen Besucher hatte
es vor allem die Chemikalientoilette angetan. Alle wollten sie ausprobieren,
was zur Folge hatte, daß sich bei unserer Weiterfahrt in Richtung
Jerusalem ein gewisser unangenehm-süßlicher Geruch auszubreiten
begann. In der brütenden Hitze war er nicht lange zu ignorieren.
„Ich glaube, unsere Toilette ist voll“,
sagte ich schließlich. „Das glaube ich auch“, meinte sie. Nach einer
weiteren Weile mußten wir anhalten. Es ging beim besten Willen nicht
mehr. „Wohin mit dem Zeug?“ fragte ich. „In die Wüste“, sagte sie.
Gemeinsam schleppten wir das überschwappende Gerät aus dem Wagen.
Gemeinsam zerrten wir es durch den Sand. Gemeinsam gossen wir es aus, während
sich eine Wolke von Milliarden Fliegen über uns senkte. Vermutlich
hatten sie uns schon eine Weile verfolgt.
„Wir müssen uns ein Insektenspray
besorgen“, sagte sie, als wir wieder im Auto saßen.
Meine Heimvorteile begannen, sich
gegen mich zu wenden. Während ich mich zum Beispiel auf die Suche
nach einem Spezialgeschäft für Chemikalien-Toiletten-Chemikalien
machte (in Israel muß man dazu ein Bunker-Bedarfs-Magazin finden),
hatte sie einen Apotheker in Arat dazu überredet, das Nötige
in seinem Labor zusammenzumixen.
Er bestand darauf, seine Création
selbst an Ort und Stelle zum Einsatz zu bringen und brachte dazu seine
Frau und seine ältliche Ladengehilfin mit. Alle drei stammten nämlich
aus Berlin und waren zusammen zur Schule gegangen. Es wurde noch ein reizender
deutscher Heimatabend.
Für Jerusalem hatte ich mir etwas
ganz Besonderes ausgedacht. „Weißt du sagte ich, als wir auf dem
Ölberg standen, zu unseren Füßen die Mauern, Türme
und Kuppeldächer der ewigen Stadt, „am gewaltigstsen ist der Eindruck,
wenn gerade die Sonne aufgeht. Dann leuchtet alles in einem goldenen Licht
auf. Am besten stellen wir den Wagen dort unten zwischen die Gräber
auf dem alten Friedhof. Dann sind wir bei Sonnenaufgang gleich an Ort und
Stelle.“
„Wird das denn gehen?“ Sie schaute mich
groß an. „Sicher, Friedhöfe sind hierzulande sozusagen Orte
der Begegnung. Deshalb werden sie auch nachts nicht verschlossen.“
Ich erzählte ihr noch (wobei ich
altchristliche und neujüdische Mythologie ein wenig mixte): „An dieser
Stelle begraben fromme Juden seit Tausenden von Jahren ihre Toten, damit
sie an jenem Tag gleich an Ort und Stelle sind, wenn das zugemauerte Goldene
Tor - dort drüben rechts neben dem Tempelberg - aufgeht, der Messias
hervortritt und sich alle Gräber öffnen.“ Und ich fügte
hinzu: „Damit wird übrigens hierzulande stündlich gerechnet!“
„Sehr praktisch“, meinte sie. „Aber vorher
müssen wir noch etwas einkaufen. Uns ist der Wein ausgegangen, und
neue Kerzen brauchen wir auch.“
Drei bärtige, schwarzgekleidete Gerechte
mit langen Schläfenlocken, die gerade Steine auf die Gräber ihrer
Ahnen legten, wie es Landes-Sitte ist, fanden unser Vorhaben hochinteressant.
Am liebsten hätten sie die Nacht mit uns verbracht, zögerten
dann aber doch, als der Älteste von ihnen zu bedenken gab: „Und was
wird sein, wenn - Gott behüte - ausgerechnet heute Nacht diese Toten
- sie mögen in Frieden ruhen - vor dem Angesicht des Erhabenen - gesegnet
sei sein Name - erscheinen müssen?“
Da hatte er aus seiner Sicht nicht so
unrecht. Außerdem mußten sie ja zum Abendgebet und zum Frühgebet
in der Synagoge von Mea Shearim sein. Unter vielen Segenswünschen
überließen sie uns unserem Schicksal.
Von allen tausend Minaretten ertönten
die Lautsprecher der Muezzin, und die Nacht kroch aus dem Kidron Tal den
Ölberg hoch, als die drei mit flatternden Kaftanen um die Ecke von
Gezemaneh verschwanden.
Wir waren allein mit den Toten. Das heißt
nicht ganz, denn über unseren Köpfen stimmte eine Pilgergruppe
vom Rhein das schöne Lied „Jesus meine Zuversicht“ an. Danach sangen
sie noch „Ein feste Burg ist unser Gott“, während die arabischen Andenkenhändler
versuchten, Kruzifixe aus Olivenholz, Rosenkränze und Kamelsättel
an den Mann zu bringen. Dazu krächzte ein Esel wie eine rostige Pumpe...
Noch vor Sonnenaufgang rumorte meine Freundin
am Herd. Sie braute uns einen starken arabischen Kaffee, den zwei kamerabewehrte
amerikanische Touristen mit uns teilten, die offenbar die Nacht in Schlafsäcken
zwischen den Gräbern verbracht hatten, um das Schauspiel der aufgehenden
Sonne nicht zu versäumen.
Und das war es wirklich wert. Die Sonne
ging so schnell auf, daß es schien, als hätte jemand das Licht
angeknipst. Und die silbernen, goldenen und kupfernen Dächer leuchteten
auf. „Siehst du, das Goldene Tor ist immer noch zu“, sagte meine Freundin
und lächelte hintergründig. Da gab ich es auf, ihr imponieren
zu wollen.
Nur einmal noch - es war an den Gestaden
des Sees Generareth - flackerte der letzte Rest von Hoffnung in mir auf.
Sie sagte: „Weißt du was, im Wagen ist es so stickig. Wollen wir
nicht auf dem Dach schlafen?“ „Du weißt, was Zuri über die Schlangen
und Skorpione gesagt hat...“ „Hier ist weit und breit kein Baum, von dem
sie fallen könnten“, widersprach sie. Mein letzter Rest von Hoffnung
sank wieder in sich zusammen.
Und so trafen wir die Vorbereitungen für
die Nacht auf den geräumigen Dach. Wir hatten Wein dabei und unsere
Kandelaber. Zur Sicherheit hatte ich auch noch eine Taschenlampe mitgebracht.
Und einen dicken Prügel! Ganz wohl war mir nämlich nicht. Einen
Tag zuvor hatte man in der Gegend Terroristen gejagt, und die syrische
Grenze war gleich hinter der nächsten Hügelkette.
Den Prügel dicht an mich gepreßt,
schlief ich endlich ein. Ein schriller Schrei weckte mich. „Hilfe, mich
hat etwas gebissen! Tu doch was! Irgendwas hat mich in die Nase gebissen!!“
„Du hast geträumt“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Aber im Schein der Taschenlampe sah ich
einen winzigen Blutstropfen an ihrem linken Nasenflügel. Und ich sah
noch etwas: eine kleine braune Springmaus, die sich von unserem Lager flüchtete
und elegant vom Dach hüpfte. „Es war doch nur eine Maus. Eine Wüstenspringmaus“,
sagte ich. „Eine Maus - Hilfe!!!“ Den Rest der Nacht verbrachte sie (ich
schwöre - es ist wahr!!) blaß und cognactrinkend im Wageninnern.
Das feindliche Untier kam nicht zurück. Dafür war mein Selbstbewußtsein
wiedergekehrt, und ich dankte im stillen der Zaubermaus vom See Genezareth.
An dieser Stelle darf ich Ihnen nicht vorenthalten,
was ich kurz nach dieser Reise in der Illustrierten “Cosmopolitan”
gefunden habe, für die meine Freundin damals gelegentlich filigrane
Betrachtungen in Sachen Emanzipation anstellte.
Nicht, daß sie etwa hemmungslos
den Emanzen das Wort geredet hätte - es ging ihr wohl eher um eine
Art innerer Emanzipation. Für mich jedenfalls war die Lektüre
ihres Artikels nach den soeben geschilderten Ereignissen ein “Aha”-Erlebnis
der besonderen Art: Es verhalf mir mehr dazu, mein Selbstbewusstsein wieder
zu erlangen, als die ganze Reise nach Jerusalem. Auch, wenn es ohne besagte
Reise so nicht möglich gewesen wäre. Aber lesen Sie selbst.
Ich zitiere den Artikel im Wortlaut. Er
trug den sinnigen Titel:
Der Härtetest
oder
Eine Ziege zuwenig
ein schlimmster Alptraum ging so: Ich stehe
morgens zerzaust und verklebt vor dem Badezimmerspiegel. Da geht die Tür
auf. Er kommt herein und sieht mein nacktes, ungeschminktes Gesicht.
Wenn ich an diesem schrecklichen Traum
in kalten Schweiß gebadet bibbernd erwachte, brauchte ich eine ganze
Weile, mich zurechtzufinden. Gottlob - er lag neben mir, atmete ruhig und
hatte nichts gemerkt.
Nie, ich wiederhole: nie sollte er mich
so sehen wie in meinem Nachtmahr. Nicht einmal, wenn wir - Gott behüte
- eines Tages verheiratet sein sollten. Es gibt eben Dinge, die müssen
ein Leben lang privat bleiben.
So dachte ich noch, als er mir diesen
hirnverbrannten Vorschlag machte: „Weißt du, wir kennen uns nun schon
recht gut. Aber eigentlich kennen wir voneinander nur die Schokoladenseite...“
(„Jawohl - und so soll es auch bleiben“,dachte ich ins Abseits)... „und
da habe ich gedacht, ich miete für uns beide ein Wohnmobil, und wir
fahren ganz einfach los. Nur wir beide, du und ich. Ganz auf uns allein
gestellt. Keine Kneipengespräche, keine Restaurants, kein aufgesetztes
Verhalten. Keine Tünche. Wie gesagt, nur wir beide und total aufeinander
angewiesen. Dann werden wir wissen, ob wir zusammenpassen.“
Panik erfaßte mich. Keine Tünche...
Das war ja schlimmer als der schlimmste Alptraum. Nun und nimmer würde
ich so etwas über mich ergehen lassen! Mein Entschluß stand
bereits unabänderlich fest.
Trotzdem galt es, Haltung zu wahren und
Zeit zu gewinnen. Und so fragte ich: „Und wohin wolltest du fahren mit
diesem - diesem Mobildings?“
„Nach Israel..Wir fliegen nach Tel Aviv.
Dort übernehmen wir das Fahrzeug. Es ist schon alles arrangiert. Du
brauchst bloß noch zu packen.“
Das war nun doppelt unfair. Ich konnte
gar nicht mehr nein sagen: Israel, das war mein bislang unerfüllter
Traum. Israel - Jerusalem. Mit ihm auf dem Ölberg stehen, ganz eng
an ihn gekuschelt. Und unter uns die heilige Stadt. Das Rote Meer - wir
beide braungebrannt - ich in irgend etwas atemberaubend Luftigem.
Tel Aviv - ein Restaurant, nein, eine
Hotelterrasse hoch über der Küste. Mein Haar flatternd
im sanften warmen Seewind. Ein Literaten-Café auf der Dizengoff.
Kishon setzt sich an unseren Tisch und sein Freund Jossele...
„Wann fahren wir?“ hörte ich mich
zu meinem Entsetzen fragen. Jetzt war alles zu spät. Einen Tag
lang verbrachte ich mit Packen. Ich bin ein praktischer Mensch. Außer
den Dingen des täglichen Lebens mußten ja auch noch die
Sommerkleider und die Schminksachen mit. Vor allem die. Am Flugplatz brach
der Taxifahrer beim Ausladen unter der Last des großen Koffers zusammen.
Aber sein entsetzter Blick war nichts
gegen den meinen, als ich erfuhr, daß ich bei der Sicherheitskontrolle
alles, buchstäblich alles, auspacken mußte, was ich einen Tag
lang sorgsam verstaut hatte.
„Zwei Kerzenleuchter“, sagte der Kontrollbeante
laut. „Zwei Kerzenleuchter...“ äffte sein Assistent nach. „Ein goldenes
Besteck.“ „Ein goldenes Besteck...“ „Noch ein goldenes Besteck.“ „Noch
ein goldenes Besteck...“ „Ein Käsebrett.“ „Ein Käseb...“ „Nein,
das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ rief ich verzweifelt.
Mein Freund musterte mich schweigend mit
einem langen Blick. Natürlich hatte ich alles mitgenommen, was man
für eine romantische Zweisamkeit brauchte. Auch die Kerzenleuchter.
Jawoll.
Ich bin eben praktisch u n d
romantisch. Später, in unserem Wohnmobil sagte er dann ja auch ganz
selbstverständlich „Bitte, den Eierpiekser“, oder „Wo hast du die
Pfeffermühle?“ Und wenn wir auf unserem Käsebrett im Bett Weingläser,
Trauben und Käsestückchen balancierten, dann war das eben wie
zu Hause. Da machten wir das ja auch so.
Unsere erste Station war Eilat am Roten
Meer. Es war heiß. Es war staubig. Es gab nicht die geringste
Spur von Schatten.
Das Wohnmobil stellten wir bei Rafi Nelson
ab, einem bärtigen einäugigen Späthippie, der sich an der
ägyptischen Grenze einen Claim im Sand abgesteckt hatte und darauf
die Kunst der Geldvermehrung betrieb.
Gegen die Hitze gab es im Wohnmobil auch
eine Dusche, wie es überhaupt alles gab. Einen Kühlschrank, einen
Herd, eine Klimaanlage, ein Chemikalien-Klo. Aber das Plastikbecken unter
der Dusche hatte einen Riß. Das Duschwasser lief unter dem Teppich
durch den Wohnraum und machte dunkle Flecken. Und die Klimaanlage... Schwamm
drüber. Dafür gab es auf Rafis Gelände hinter einem Schilfzaun
eine Dusche unter freiem Himmel im Sand.
Und wenn einen die Mücken und das
Gedudel auf Rafis Musicbox nicht störten, dann konnte man ja alle
Fenster der rollenden Villa öffnen und Durchzug machen.
Dabei hatte man dann freien Blick auf
das Kanonenboot, das auf der Reede schaukelte und seinerseits den Blick
auf die jordanische Küste versperrte. Die israelische Schiffsmannschaft
hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit damit, den Strand und die hier
sonnenbadenden Damen durch starke Ferngläser zu beobachten.
Es war zum Heulen. Dafür tröstete
uns Rafi, indem er uns anbot, morgens die Nester seiner streunenden Hühner
auszunehmen - quasi als Entschädigung dafür, daß sich das
Federvieh überall breit machte. Auch in unseren Betten. „Wenigstens
verscheuchen sie die Skorpione“, meinte mein Freund lakonisch.
Die streunenden Hunde, die streunenden
Ziegen und die streunende Gans lernte ich erst später kennen, als
sich alle während unserer kurzen Abwesenheit friedlich über den
Inhalt unseres Kühlschranks hermachten, den ein streunender Beduinenjunge
auf der Suche nach Whisky geöffnet hatte.
Gleich am ersten Tag wurde mir klar, daß
man in Israel grundsätzlich von guten Freunden umgeben ist. Tag und
Nacht. Sie liehen sich von uns Liegestühle, Wasser, Zigaretten, das
Radio und das Schachspiel.
Dafür baten sie uns, ihnen für
ihre Kühlbox im nahegelegenen Eilat Stangeneis zu besorgen und unterwegs
gleich ihre Post einzuwerfen.
Und am Abend des ersten Tages dämmerte
mir, daß mein Freund unsere Beziehung einem Härtetest zu unterziehen
gedachte.
Das machte mich wütend. Das machte
mich so wütend, daß ich mich aus Trotz ungeschminkt und mit
ungekämmten Haaren an den Abendbrottisch setzte. Innerlich schluchzend,
denn ich hatte mir diesen ersten Abend v i e l romantischer
vorgestellt.
Doch als die ersten Sterne zitternd riesengroß
und zum Greifen nahe über uns am grünlichen Wüstenhimmel
hingen, der Mond hinter den Bergen von Edom aufging und von drüben
vom Kanonenboot seltsam verhangene Weisen in Moll herüberklangen,
war ich dann doch etwas versöhnlicher gestimmt.
Der Carmelwein, die frischen Früchte
mit Sabralikör und der warme Nachtwind taten dann noch das ihre, daß
die Nacht für den Tag entschädigte.
Es muß so gegen sechs Uhr früh
gewesen sein, als mich schlagartig die schlagartig aufgehende Sonne weckte.
Es wurde sofort heiß. Mein Süßer war schon im Wasser.
Und ich - ohne auch nur einen einzigen Blick in meinen Taschenspiegel zu
werfen, hüpfte aus dem Bett und rannte - so wie ich war - den Strand
hinunter und hinein in die lauwarmen Fluten. Es war herrlich.
Aus unserem Wohnmobil erscholl aufgeregtes
Gegacker. Als wir zurückkamen, lag ein Ei auf dem Fenstersims. Es
war noch warm. Ein weiteres Ei fand sich neben Rafis Dusche im Sand. Da
wir beide Eier in unserem Teewasser kochten, bekam der Tee ein gewisses
ungewohntes Aroma.
Und ich hatte noch immer kein Make-up
aufgelegt. Ich hatte es glatt vergessen. „Später“, dachte ich, als
es mir dann doch einfiel. „Vielleicht am Abend, wenn wir ausgehen!“
Dabei war mir gar nicht klar, daß
mein schlimmster Alptraum Wirklichkeit geworden war. Meinem Freund scheint
es nicht aufgefallen zu sein. Jedenfalls floh er nicht schreiend bei meinem
Anblick.
Doch natürlich sollten sich noch
andere Alptraumsituationen ergeben. Solche, an die ich nicht einmal im
Alptraum gedacht hätte.
Zum Beispiel die: Irgendwann muß
der Mensch aufs Klo. Und das bei praktisch nicht vorhandenen, weil viel
zu dünnen Wänden unserer Chemikalientoilette. Soll man nun sagen:
„Geh doch mal spazieren, ich müßte mal!“ Ich jedenfalls brachte
das nicht.
Und dann kommt der Punkt, wenn einem das
alles egal ist, weil es nicht mehr anders geht. Bei solchen und vielen
anderen Gelegenheiten kann sich, das weiß ich heute, die Tragbarkeit
einer Beziehung erweisen: wer es fertigbringt, dem anderen auf allerengstem
Raum und trotz denkbar größter Nähe, seine Würde zu
erhalten, erweist sich zum Beispiel als der wertvollere Partner als derjenige,
der einem bei jeder Gelegenheit zur Hand geht oder sich übertrieben
rücksichtsvoll verhält.
Letzteres nervt nämlich mit der Zeit
- ersteres verbindet.
Doch eine einzige falsche Bemerkung zum
falschen Zeitpunkt, eine einzige unsensible Reaktion des Partners kann
vor allem bei großer Nähe alles kaputtmachen. Ebensowie allzu
große Selbstver-ständlichkeit.
Wie das funktioniert und wie man solche
Fehler vermeidet? Keine Ahnung. Man muß es erleben, um zu wissen,
ob man richtig gewählt hat. Uns jedenfalls hat der Härtetest
in der israelischen Wüste Jahre des mühsamen Kennenlernens erspart
- das weiß ich heute.
Da war zum Beispiel die Sache mit
dem erwähnten Chemikalien-Klo: Als unser Gefährt nach einigen
Tagen Eilat, das eine Liebe auf den zweiten Blick wurde und daher eine
dauerhafte Liebe ist, gen Norden rollte, erwies sich besagtes Utensil als
übelriechend, weil voll. Und das mitten in der Wüste bei 45 Grad
im nichtvorhandenen Schatten. Zunächst ignoriert man das Übel
- ist ja auch kein Thema für ein verliebtes Paar.
Später, wenn es unerträglich
wird - was dann? „Also gut“, sagte er und hielt an. „Werde ich halt das
Zeug in die Wüste kippen.“ Und ich - ich sehe mich noch heute, wie
ich, ohne ein Wort zu verlieren, mit ihm gemeinsam den ominösen überschwappenden
Gegenstand durch den Sand zerre.
Sowas verbindet.
Spätabends erreichten wir eine einsame
Tankstelle irgendwo im Negev. Ohne Übergang fragte uns der Tankwart
aus. Nach unserer Beziehung, ob wir schon Kinder hätten und wieviele
wir uns wünschten, ob es Spaß machte, sich in solch einem rollenden
Haus zu lieben und ob er sich´s mal anschauen dürfe - vor allem
die Betten. Israelis sind so.
Als wir endlich weiterfahren konnten,
konnten wir nicht weiterfahren, denn der Rückwärtsgang klemmte.
„Werden wir gleich haben“, grinste
der Tankwart und begann, das Auto zu zerlegen. Im Lauf der Nacht halfen
ihm noch sieben LKW-Fahrer von der vorüberführenden Nord-Süd-Achse
sowie ein Professor der Meereskunde, den es in die Wüste verschlagen
hatte.
Am Morgen, als die Frau des Tankwarts
das Frühstück brachte, waren bereits alle in unserem Wohnmobil
heimisch. Mehrfach hatte man uns aufgefordert, doch ins Bett zu gehen,
man werde das schon regeln. Jetzt frühstückten wir gemeinsam.
Nur schwer trennten wir uns von den LKW-Fahrern,
die sich entschlossen, im Pulk nach Norden zu fahren. Sie kannten sich
alle aus der Armee und wollten zu Mittag in Beerscheba sein, weil einer
von ihnen ein Kind erwartete oder so etwas ähnliches.
Der Gang klemmte immer noch. Später
tauchte am Horizont ein Gefährt auf, das dem unsrigen zu gleichen
schien. Als es näher kam, entpuppte es sich als sein Zwillingsbruder.
Das Fahrzeug hielt direkt neben uns. Es entstiegen ihm drei Männer
sowie zwei Soldatinnen. Schweigend machten sich die Männer ans Werk,
unseren klemmenden Gang zu reparieren.
Es stellte sich heraus, daß es sich
um drei Mechaniker handelte, die der Eigentümer der Wohnmobil-Vermietung
geschickt hatte. Die LKW-Fahrer hatten sie von unterwegs telefonisch alarmiert,
denn in der Tankstelle gab es kein Telefon. Jetzt war die Eingreifftruppe
mehr als zweihundert Kilometer gefahren, um uns zu helfen. Unterwegs hatten
sie noch zwei Tramperinnen aufgelesen. Denn in Israel trampen die Soldatinnen
zu ihren Einheiten.
Zwischendurch hatte ich unter fachkundiger
Anleitung der Tagschicht der Tankstelle gelernt, wie man in der Wüste
badet: man folgt zu Fuß der Piste bis zu einer Stelle, wo ein dickes
Rohr aus dem Sand ragt. Dann dreht man an einem großen Rad, woraufhin
aus dem Rohr ein dicker Wasserstrahl in ein eingegrabenes Ölfaß
schießt. Jetzt kann man baden.
Meist sind die Beduinen so nett und warten,
bis man fertig ist, ehe sie ihre Kamele tränken. Der Gebrauch von
Seife scheint sie indes in Erstaunen zu versetzen. Der Beduine mit dem
größten Silberdolch verhandelte in der Zwischenzeit mit meinem
Freund und beschrieb dabei große Kurven mit den Händen in die
Luft.
„Er hat gesagt, er könne nur zwei
Kamele und drei Ziegen für dich bieten“, erläuterte später
mein Freund, denn du seist viel zu dünn und hättest zu kleine
Brüste. Du würdest sicher nur Mädchen gebären und zur
Arbeit seist du auch kaum zu gebrauchen.“
„Oh, meint er das“, hauchte ich.
Dann fiel es mir ein: „Und wieviel hast du gefordert?“ „Eine Ziege mehr“,
sagte er und wich geschickt der Seifenschale aus, die ich nach ihm warf.
Von jetzt an waren wir Kumpel. Es ist nicht
übertrieben, wenn ich sage, daß wir miteinander durch dick und
dünn gingen. Da war der Steinhagel, der uns in einem Arabernest in
den besetzten Gebieten empfing, der Kühlschrank, der sich bei dieser
Gelegenheit aus seiner Verankerung riß und seinen Inhalt über
den Fußboden verteilte, und die Nacht im Friedhof.
Die Friedhofsnacht ergab sich aus meinem
eingangs erwähnten romantischen Wunsch, mit meinem Freund engumschlungen
auf dem Ölberg zu stehen - zu unseren Füßen die heilige
Stadt. „Am schönsten ist das Licht, wenn die Sonne aufgeht“, sagte
mein Freund. „Und den schönsten Blick hat man von dem alten Friedhof
aus.“
Also verbrachten wir die Nacht nebst Wohnmobil
zwischen den alten Grabsteinen, eine Tat, die von einer Gruppe schläfengelockter
Kaftanträger in gutturalem Jiddisch wohlwollend kommentiert wurde,
während sie unser karges Nachtmahl teilten. „Man mechte nochamol jung
sein“, sagte der Älteste sehnsüchtig und fast hochdeutsch, und
man konnte ihm anmerken, daß es ihm schon immer ein Bedürfnis
war, eine Nacht bei den Gräbern seiner Ahnen zu verbringen.
Wir benutzten bei dieser Gelegenheit bereits
reichlich Knoblauch. Aber nicht gegen etwaige Vampire, sondern weil wir
uns an dieses landesübliche Gewürzgemüse gewöhnt hatten.
Und wie das riecht, war uns mittlerweile egal. Die anderen rochen ja ebenso...
Und als wir endlich engumschlungen auf
dem Ölberg standen und die Morgensonne die goldenen, silbernen und
kupfernen Dächer des ewigen Jerusalems aufleuchten ließ, umgab
uns gemeinsamer Knoblauchduft. So wurden wir ein Paar.
Natürlich saßen wir dann Hand
in Hand hoch über der Küste von Tel Aviv auf einer Hotel-Terrasse.
Beide braungebrannt. Mein Haar flatterte im sanften Seewind... Und neben
mir stand der Plastikbeutel mit den auf dem Markt erstandenen Avocados,
den Zwiebeln, dem Knoblauch, dem Wein und dem Fisch, den wir anschließend
in unserem rollenden Heim braten würden.
Mein Begriff von Romantik und Zweisamkeit
hat sich nämlich auf dieser Reise gründlich geändert. Er
hat eher praktische Züge angenommen, alles Mondäne ist daraus
gewichen. Ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Wenn du wissen willst,
ob ein Mensch dein Freund ist, dann sollst du mit ihm tausend Meilen reisen...“
Ich möchte hinzufügen: „Wenn du ganz schnell in Erfahrung bringen
willst, ob ihr zueinander paßt, dann versucht es mit unserem Härtetest.“
Wir jedenfalls haben uns seither nie mehr getrennt. Keinen einzigen Tag
lang.
Soweit das Zitat. Ich enthalte mich jeden
Kommentars. Der geneigte Leser möge sich sein eigenes Bild machen.
Und nachdem das geschehen ist, wird es ihm auch leichter fallen, die Logik
im nun folgenden zu entdecken.
Ich bin gleich fertig.....
Wir sind also wieder in München. Mit
zwiespältigen Gefühlen, denn einerseits lieben wir unser Haus,
unseren Garten, unsere Rituale - andererseits können wir uns nach
unserem Härtetest sehr gut vorstellen, zum Beispiel in Israel zu leben.
Und so haben wir uns vorgenommen, mögllichst oft dorthin zurückzufahren.
Bei der Gelegenheit fällt mir auf,
daß ich ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und
herspringe. Das liegt natürlich daran, daß die Vergangenheit
Teil unserer Gegenwart ist, und daß die Gegenwart ohne diese Vergangenheit
so nicht denkbar wäre. Ich bitte also die Sprach- und Stilpuristen
unter meinen Lesern mit diesem Argument um Entschuldigung.
***
Das ganze Jahr über nehmen wir uns
vor: Diesmal gehen wir hin. Doch meistens kommt etwas dazwischen, und so
pflegen wir dann am letzten Tag der “Dult” früh aufzustehen. Wenigstens
ist das unser fester Vorsatz am Vorabend des letzten Tages des Flohmarkts.
In der Regel stellen wir sogar den Wecker.
Da wir die feste Absicht haben, etwa gegen
neun Uhr früh aus dem Haus zu gehen, stellen wir den Wecker auf sieben.
Eine Stunde rechnen wir zum Teebereiten, Teetrinken und so weiter,
was in der Regel im Bett geschieht. Eine weitere Stunde rechnen wir sodann
zum Duschen, anziehen und Frühstücken. Diesmal natürlich
außerhalb des Bettes. Macht zwei Stunden. Somit könnten wir
Punkt neun abmarschbereit sein.
Aber da hat die Dult nicht mit meiner
Freundin gerechnet. Nicht etwa, daß sie zu der Sorte von Frauen gehört,
die nie fertig werden. Im Gegenteil: Wenn wir einmal verreisen, dann hat
sie schon drei Tage vorher die Koffer gepackt und tut in der Nacht
vor der Abreise kein Auge zu, weil sie ständig darüber nachgrübelt,
was sie noch vergessen haben könnte. Meistens hat sie nichts vergessen.
Im Gegenteil: Sie hat viel zuviel eingepackt.
Am Flohmarkttag wartet aber kein Flugzeug
auf uns. Nicht einmal ein Taxifahrer. Nur der Flohmarkt selber.
„Ich möchte mir nur noch die Haare
waschen. Das geht auch ganz schnell“, sagt sie während des Frühstücks,
ohne aufzusehen. Sie weiß aus Erfahrung, daß ich an dieser
Stelle die Augen verdrehe. Und diese Art von Kritik kann sie schlecht ertragen.
Es ist das Unausgesprochene, was sie am meisten ärgert... Ich
muß dann auch vermeiden, hörbar auszuatmen - auch das könnte
als Kritik gewertet werden.
Natürlich sehe ich nicht ein, daß
man sich zum Flohmarkt eigens die Haare waschen muß. Und wenn schon,
warum das nicht bereits während des Duschens erledigt wurde... Vermutlich
hat sie bei einem Blick in den Spiegel gesehen, daß sie „unmöglich
ausschaut“, was nicht stimmt. Aber ich sage nichts, verdrehe kein Auge
- und atme nicht! „Du brauchst gar nicht den Atem anzuhalten, ich
weiß, was du denkst“, sagt sie dann und fügt nach einer kleinen
Pause hinzu: „Du brauchst es nur zu sagen, wenn du keine Lust hast, zum
Flohmarkt zu gehen. Dann gehe ich eben allein.“
Während sie die Haare wäscht
und sie anschließend fönt, gehe ich schon mal dran und erledige
eine Reihe von Briefen, die schon lange erledigt sein müßten.
Meine Freundin hat langes Haar, und es dauert eine Weile, bis das trocken
ist. Ich tippe gerade den letzten Brief, da taucht meine Freundin auf.
Schick sieht sie aus, mit den engen Jeans und dem Blouson, richtig zünftig
zum Flohmarkt.
Allerdings sehe ich nicht ganz ein, warum
sie das frisch gewaschene Haar unter einer Ballonmütze versteckt.
„Warum versteckst du denn dein frisch gewaschenes Haar unter einer Ballonmütze?“
frage ich folglich. Aber das stellt sich als schwerer Fehler heraus. „Gefällt
dir etwa die Mütze nicht? Du hast sie mir doch geschenkt“, sagt sie.
Mir gefällt die Ballonmütze
- es war ja nur so eine Frage. Aber meine Freundin ist schon in die oberen
Räume enteilt, und ich höre sie in ihrem Schrank kramen. Sie
sucht sich wohl eine andere Kopfbedeckung, denke ich und mache mich schon
einmal daran, den kleinen Lackkratzer am Auto zu reparieren, denn meine
Freundin hat viele Kopfbedeckungen, und es dauert erfahrungsgemäß
eine Weile, ehe sie die für den Anlaß passende gefunden hat.
Ich hätte besser den Mund gehalten. Nach der Autoreparatur mache ich
mich daran, das Laub im Garten zusammenzurechen. Ich kann es nämlich
nicht ausstehen, wenn ich einfach nur so rumstehe und warte. Außerdem
könnte das als Provokation aufgefaßt werden.
Nach dem Laub-Rechen - es ist mittlerweile
viertel vor elf - rufe ich nach oben: „Von mir aus können wir jetzt
gehen.“ Dabei ist es wichtig, jede Ungeduld oder gar Schärfe im Ton
zu vermeiden, denn das könnte sie als unausgesprochene Krititk auffassen.
Und wir haben uns doch so auf den Flohmarkt gefreut. Schon deswegen, weil
wir unsere Küche in diesem Jahr weiß gestaltet haben und daher
wegen des Kontrastes dringend noch einige rote Gegenstände brauchen,
die es eben nur auf dem Flohmarkt gibt...
„Ich komme!“ flötet sie von oben,
und da weiß ich, daß es höchstens noch dafür reicht,
die Fotos einzusortieren, die seit Wochen auf meinem Schreibtisch herumliegen
und auf eine passende Gelegenheit warten.
Während ich das tue, höre ich
jemanden hinter mir mit deutlicher Betonung ausatmen. Als ich mich umdrehe,
steht sie hinter mir. Sie trägt jetzt einen weißen Faltenrock,
eine weiße seidene Bluse, darüber eine flauschige weiße
Jacke und ganz oben ein keckes Barett. Süß sieht sie aus - aber
das Kompliment bleibt mir im Hals stecken, denn sie faucht mich an: „Wenn
ich eines hasse, dann ist es, einfach so dazustehen und auf jemanden zu
warten. Das mit den Fotos hätte doch sicher noch Zeit gehabt. Jetzt
ist es halb zwölf, und um neun wollten wir aus dem Haus gehen...“
Da hat sie freilich recht. Ich habe keine
Ahnung, wo ich in diesem Augenblick die Kraft zu keiner Erwiderung hernehme...
Als wir auf dem Flohmarkt ankommen, erwartet
uns geschäftiges Treiben. Männer sind dabei, Lkws zu beladen.
Kisten weden geschleppt, und Kolonnen von orangegekleideten Südländern
fegen den Platz.
Der letzte Tag des Flohmarkts war gestern.
Und so beschließen wir, statt dessen ein schickes Restaurant aufzusuchen.
Denn erstens ist es jetzt Essenszeit, und zweitens hassen wir es beide,
auf überfüllten Flohmärkten von der großen Menschenmenge
bedrängt und geschoben zu werden.
„Nicht wahr, das findest du doch auch?“
sagt sie, nachdem sie mir ihre diesbezügliche These - uns beide betreffend
- auseinandergesetzt hat. Und da ich das auch finde, äußere
ich, daß sie drittens in ihrer gegenwärtigen Aufmachung auch
wesentlich besser ins Restaurant paßt als auf den Flohmarkt. Doch
mit dieser Bemerkung muß ich wiederum nicht ganz den richtigen Ton
getroffen haben, denn sie mustert mich mit seltsamem Blick von Kopf bis
Fuß.
Erst jetzt bemerke ich, daß an meinen
Händen noch Lackspray klebt und an meinen Jeans eingetrockneter Gartenschmutz.
Sie sagt nichts, doch sie nimmt einen kleinen, aber deutlichen Abstand
zu mir. So, als ob wir eigentlich nicht zusammengehörten.
„Ich möchte bloß wissen, was
du die ganze Zeit über gemacht hast?“ sagt sie endlich. „Während
ich mich für dich schöngemacht habe, läufst du rum wie der
letzte Gammler.“
Da ich mich sofort für mein ungebührliches
Betragen entschuldige, ist uns noch ein sehr harmonischer Nachmittag vergönnt.
Aber im nächsten Jahr gehen wir garantiert zum Flohmarkt. Schon auf
den ersten des Jahres - am ersten Tag. Das haben wir uns ganz fest vorgenommen,
falls an diesem Morgen nicht etwas Entscheidendes dazwischenkommt, wie
zum Beispiel das Anstellungsgespräch mit einer neuen Putzfrau...
Die Perle des Orients
Andere Leute haben Schwierigkeiten, eine
Putzfrau zu bekommen. Wir haben Aischa. Damit fingen unsere Schwierigkeiten
an.
Aischa entstammt, wie man leicht dem Namen
entnehmen kann, dem Orient, und sie ist stolze Nachfahrin eines uralten
Adelsgeschlechts. Immerhin war eine Namensvetterin von ihr eine der Ehefrauen
Mohameds. Ersteres ließ sie durchblicken, letzteres behauptete sie.
Nichtsdestoweniger ist Aischa
unsere Putzfrau, obwohl sie das früher nicht nötig hatte, wie
sie betonte. Harte Arbeit verrichteten in ihrem Haus die Dienstboten. Aber
damals lebte sie noch im Schoß ihrer steinalten Familie.
In den Augen meiner Freundin ist Aischa
der Inbegriff der tapferen jungen Frau, die mit ihrer Hände Arbeit
sich und die Ihren in schlechten Zeiten über Wasser hält. Eine
wahre Scarlett O’Hara in dunkel. „Vom Winde verweht.“ Seit meine Freundin
Aischa kennt, liest sie auch wieder Margaret Mitchell. Aber das nur nebenbei.
Als ich Aischa das erste Mal begegnete,
küßte sie mir die Hände und nannte mich „Herr“. Das war
eine Geste. Wirklich nur eine Geste... Zwei Tage darauf begann sie, in
unserem Haus zu wirken.
Langsam zwar - und fast unmerklich -,
dafür aber stetig veränderte sich unser Leben. Es fing damit
an, daß es bei uns morgens statt meines unentbehrlichen Kaffees plötzlich
Earl Grey Tee gab.
„Weißt du, Aischa hat eine englische
Erziehung genossen. Und da gehört Tee einfach dazu. Und weil ich schon
beim Teekaufen war, habe ich gleich eine Großpackung genommen“, erhielt
ich auf eine diesbezügliche Bemerkung zur Antwort. Sehr logisch. Seither
trinken wir morgens eben Tee. Hat ja auch was für sich.
„Trinkt Aischa auch Alkohol?“ fragte ich
ein paar Tage später. „Ich denke, sie ist Mohammedanerin.“ Ich hatte
mich über die Anwesenheit von Grand Marnier in unserer Bar gewundert,
der uns bislang immer zu teuer gewesen war. „Nur zum Tee“, sagte meine
Freundin. „Und überhaupt ist sie nicht so strenggläubig. Schließlich
ist sie modern erzogen und aufgewachsen.“
„Was macht eigentlich ihr Mann?“ fragte
ich, um vom Thema abzulenken und um es mir selbst unmöglich zu machen,
das zu sagen, was mir auf der Zunge lag. „Der Mann ist zu Hause und paßt
auf die Kinder auf.“ „Und warum geht der Mann nicht zur Arbeit und läßt
die Frau auf die Kinder aufpassen?“ (Hoffentlich war das nicht schon wieder
falsch!) „Weil der Mann“, belehrte mich meine Freundin, „in seiner Heimat
Schulbücher geschrieben hat.“ Das verstand ich nicht.
„Er ist eben noch sehr traditionell“,
klärte sie mich auf. „Für ihn ist es unter seiner Würde,
niedere Arbeiten zu verrichten; er wäre bei seinen Landsleuten sofort
unten durch. Er würde sein Gesicht verlieren.“
Daß ich daran nicht gedacht hatte!
Ich zitierte deutsches Volksgut in abgewandelter Form. Ich konnte nicht
anders: „Hauptsache, meine Frau arbeitet, und ich behalte mein Gesicht.“
Meine Freundin zögerte einen Augenblick und wußte nicht so recht,
worüber sie beleidigt sein sollte. Dann fiel es ihr ein: „Du hast
einfach Vorurteile gegen die Leute, deshalb bist du ungerecht.“ Vielleicht
hatte sie sogar recht damit...
Und so beschloß ich, toleranter
zu sein. Ich ignorierte es einfach, daß es jetzt dreimal wöchentlich
Lamm-Curry zum Abendessen gab; beziehungsweise das, was Aischa davon übriggelassen
hatte. Nur einmal sagte ich: „Ich habe den Eindruck, daß deine Putzfrau
etwas sehr mollig geworden ist. Behindert sie das nicht bei der Arbeit?“
Ich hätte es lieber nicht sagen sollen.
Daß sich das Innenleben unseres Gewürzschrankes immer mehr in
Richtung orientalisch änderte, vermochte ich hinzunehmen, und auch,
daß Kaffee, wenn es ihn denn gab, nach Kardamom schmeckte und ziemlich
dicklich war.
Ich lächelte milde darüber,
daß unser Haus Durchgangsstation für Lollys und Kinderkleidchen
wurde: Schließlich hatte Aischa ja drei Kinder. Ich konnte auch einsehen,
daß Aischas Stundenlohn erhöht werden mußte, denn inzwischen
war auch noch der Bruder ihres Mannes aus dem Orient eingetroffen. Und
der mußte mit ernährt werden.
Was mich indes ärgerte, war
der leichte Schmierfilm, der sich in unserer Küche über viele
Gegenstände ausbreitete. Das kam von dem vielen Braten mit Öl.
Da Aischa bei uns saubermachen mußte, hatte sie natürlich keine
Gelegenheit, für ihre Familie zu kochen. Das erledigte sie dann bei
uns und nahm das fertige Essen in Warmhaltebehältern mit. Sehr praktisch.
Und vor lauter Kochen blieb dann ja auch
keine Zeit mehr, die Küche zu putzen. Vielleicht waren wir auch nur
falsch eingerichtet für orientalische Gerichte. „Findest du nicht,
wir sollten uns eine offene Feuerstelle und einen Lehmofen für die
Brotfladen zulegen?“ fragte ich daher eines Tages.
Ich hatte den Eindruck, daß meine
Freundin ernsthaft darüber nachdachte und die feine Ironie in meinen
Worten gar nicht registrierte.
Die Veränderungen in den übrigen
Räumen des Hauses vollzog sich schrittweise. Zunächst fielen
mir die grellbunten Sofakissen auf. „Hat Aischa für uns genäht.
Ist sie nicht rührend? Sogar einen Hohlsaum hat sie gemacht!“ Einen
Hohlsaum. Man denke!
Die Sofakissen waren, so erfuhr ich, der
Ausdruck immerwährender Dankbarkeit. Schließlich hatte meine
Freundin Aischas ältester Tochter zum Geburtstag ein Mountainbike
geschenkt. Mit acht Gängen. „Die Kleine war immer so traurig, weil
die anderen Kinder im Kindergarten schon ein Fahrrad hatten und sie nicht.“
„Woher wußtest du das?“ „Aischa hat es mir erzählt.“ Aha.
Später gesellten sich zu den Sofakissen
Wandbehänge in Grellbunt. Ich wollte nicht mehr wissen, aus Dankbarkeit
wofür. Ich hatte auch nicht mehr so viel Zeit zum Nachdenken, denn
ich mußte etwas mehr arbeiten, seit auch noch Aischas alter Vater
aus dem Orient gekommen war und ihr jüngster Bruder in Amerika studieren
sollte. Allein unsere Telefonrechnung mußte verdient werden. Gespräche
in den Orient und nach Amerika sind nicht gerade billig. Vor allem, wenn
sie stundenlang dauern.
An dem Tag aber, als meine Freundin begann,
eine Stunde früher aufzustehen, um sauberzumachen, „damit Aischa nicht
den Eindruck hat, daß wir Schmutzfinken sind, außerdem kann
sie nicht so schwer heben...“ an jenem Tag kam mir der Gedanke, mich nach
einer anderen Putzfrau umzuschauen. Heimlich natürlich.
Aber das wäre gar nicht nötig
gewesen: Neulich fand ich den Entwurf einer Anzeige auf dem Schreibtisch
meiner Freundin - in ihrer eigenen Handschrift: „Gesucht! Fleißige
und zuverlässige Reinemachefrau für sofort...“
„Und Aischa?“ fragte ich entgeistert,
als ich es las. „Sie hat mich gebeten, ihr Geld in Zukunft aufs Konto zu
überweisen. Sie hat keine Zeit mehr, extra dafür herzukommen“,
sagte meine Freundin, und ich sah, daß sie enttäuscht war. Wir
hatten Aischa. Nun hatten wir die Schwierigkeit anderer Leute, eine Putzfrau
zu finden.
Auf die Annonce meldeten sich viele. Manche
gingen gleich wieder, weil wir keinen Stellplatz für den jeweiligen
PKW nachweisen konnten, andere erklärten, in unserem Hause gäbe
es zuviel Arbeit, manche wollten sich versprechen lassen, daß wir
nie Kinder haben würden, wieder andere fürchteten sich vor unseren
drei Hunden, die mit feinem Instinkt diejenigen verbellten, von denen sie
sich am wenigsten erwarten durften.
Aber das war alles vor der Zeit, als wir
Tamara trafen. Tamara kam, sah sich um, streichelte die Hunde und
blieb. Eine andere Wahl hätte sie auch nicht gehabt: Die Hunde hätten
sie unter keinen Umständen wieder weggelassen....
Aber wenn ich an Tamara denke, dann fällt
mir zunächst einmal die Zeit ein, als sie einmal n I c h t da
war. Es war eine Zeit der härtesten Prüfungen meines Lebens:
Die folgende Episode fällt in die Zeit ihres Jahresurlaubs:
Bratbrot mit Knoblauch
„Das kannst du mit mir nicht machen, mein
Lieber“, hörte ich meine Freundin ins Telefon rufen. Erschrocken eilte
ich hinzu und bekam gerade noch den Satz mit: „‘Weißt du was, wenn
das so ist, dann machst du von jetzt an deinen Dreck allein!“ Dann schmiß
sie den Hörer hin. Blicklosen Auges eilte sie an mir vorüber
und schloß sich im Schlafzimmer ein. Wenn sie so ist, dann störe
ich sie besser nicht, denn sonst bekomme ich alles ab, was eigentlich für
jemand andern gedacht ist.
In diesem Fall für einen Auftraggeber,
für den sie schon seit vielen Jahren arbeitete und der sich wohl auch
gewisse private Hoffnungen gemacht hatte, bis dann ich auftauchte. Und
nun hatte sie ihm also den Krempel vor die Füße geworfen - und
damit die Hälfte unseres Monatseinkommens. Nichts gegen Bürgerstolz
vor Fürstenthronen - solange sich das ganze innerhalb von Schillerdramen
abspielt.
Aber in unserem Fall war das doch ziemlich
tollkühn. Die Schauspieler gehen zusammen einen trinken, wenn der
Vorhang gefallen ist. Aber wer würde von nun an unsere Drinks bezahlen?
Ich hatte mich nicht nur an die trockenen Martinis gewöhnt, sondern
auch an den Zweitwagen, die französischen Restaurants
unserer Stadt und an die ganzen Unabdingbarkeiten des gehobenen Lebensstandards.
„Macht nichts“, sagte ich deshalb großspurig
zu ihr, als sie wieder mit mir sprach, „schrauben wir eben unsere Ansprüche
ein wenig zurück. Verzichten wir auf die Martinis, den Zweitwagen,
die Restaurants und den ganzen Quatsch, und leben wir von meinem Einkommen.
Ich werde doch wohl noch eine Frau ernähren können!“
„So, meinst du...“, sagte sie. In solchen
Fällen beendet sie ihre Sätze immer mit drei Punkten, ohne mich
direkt zu beleidigen. „Wozu brauchen wir schließlich zweimal wöchentlich
eine Putzfrau, Staubsaugen und Fensterputzen übernehme ich“, fuhr
ich unbeirrt for. „Einverstanden“, sagte sie, „zumal Tamara in Urlaub
ist. Ich hätte dich ohnehin darum gebeten.“
An diesem Abend aßen wir zu Hause.
Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich esse Bratbrot mit Knoblauch für
mein Leben gern. Und es ist billig. Anschließend schwang ich fröhlich
noch ein halbes Stündchen den Staubsauger. „Sparen macht Spaß“,
sagte ich, als sie sich an mich kuschelte. Ausnahmsweise waren wir früh
ins Bett gegangen. Schließlich war das Restaurant ausgefallen. Fensterputzen
macht nicht soviel Spaß wie Staubsaugen. Man sieht hinterher immer
Streifen. Egal, wieviel Mühe man sich auch gibt.
Meine Freundin mußte am nächsten
Morgen viel telefonieren. Deshalb waren die Eier ein wenig hart geworden.
„Komisch, dabei hast du sie so lange gekocht“, sagte ich. Es sollte komisch
sein: Sie schenkte mir ein halbes Lächeln.
Wir besannen uns wieder auf das einfache
Leben. „Wir können viel Geld sparen, wenn wir uns die Konzerte und
Theaterbesuche schenken. Schließlich besitzen wir einen ganzen Bücherschrank
voller ungelesener Bücher. Und außerdem könnte ich ja wieder
anfangen, Guitarrre zu spielen“, regte ich an. „Aber nur, wenn du ein zweites
Stück lernst“, wandte sie milde ein.
Um abzulenken, sagte ich: „Mit meiner
Garderobe komme ich noch lange aus - und wenn ich so in deinen Schrank
schaue, dann brauchst du auf absehbare Zeit auch nichts Neues.“ „Also schön“,
sagte sie mit ungewohnter Schärfe. „Du kannst eine Frau ernähren.
Du kannst sie auch unterhalten, denn du kannst ‘When the saints go marching
in’ spielen. Aber kannst du sie auch kleiden...?“
Wieder diese drei Punkte. Irgend etwas
mußte ich falsch gemacht haben. Ich versuchte zu erklären, wie
ich das gemeint hatte, aber sie ging wortlos in die Küche.
Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich liebe
Bratbrot mit Knoblauch, wenn es mit frischem Brot gemacht wird. Unser Brot
war noch von vorgestern.
Ich begann die Hausarbeit zu rationalisieren,
wie das eben nur ein Mann kann. Es ist wichtig, alle Griffe, die nun einmal
getan werden müssen, in Gruppen einzuteilen. Das spart viel Zeit.
Wenn ich zum Beispiel ein Bier aus dem Kühlschrank hole - Martini
war ja gestrichen -, dann kann ich doch gleichzeitig auch schon mal Eier
herausholen, damit sie die richtige Temperatur haben, wenn man sie braucht.
Nur darf man nicht vergessen, daß man sie in die Schürzentasche
gesteckt hat, wenn man die Schürze ihrerseits in die Waschmaschine
steckt. Aber mit einiger Übung bekommt man das schon hin.
Und daß man beim Einholen viel Geld
spart, wenn man große Mengen von den Dingen kauft, die man ohnehin
täglich braucht, versteht sich ja von selbst. Aber irgend etwas muß
mit meinen Berechnungen nicht gestimmt haben. Jedenfalls gaben wir für
die Dinge des täglichen Bedarfs auf diese Weise wesentlich mehr Geld
aus, als wenn wir, wie früher, ins Restaurant gegangen wären.
Am Abend dieses und einiger weiterer Tage
gab es abwechselnd Bratbrot mit Thunfisch und Bratbrot mit Knoblauch. Ich
traute mich nicht mehr unter die Leute.
Zur Krise kam es, als unser |